Der Utilitarismus und Positivismus in England und Frankreich. 399
es unsere eigenen, seien es solche anderer Menschen, die durchBeispiel und Lehre auf uns einwirken. Wir brauchen also nichtimmer das Nützliche einzusehen, um das Nützliche zu thun, obgleichletzteres natürlich vollkommener geschehen wird, wenn sich die Ein-sicht mit dem Instinct verbindet. In diesem Sinne sucht er nach-zuweisen, dass unbewusst auch allen andern intuitiven und theo-logischen Moralsystemen das Princip des Nutzens zu Grunde liege,da alle praktischen Sittenlehren im Enderfolg mit Nothwendigkeitimmer auf dieses Princip zurückführten, ob man es nun als Motivzugelassen habe oder nicht.
Diese Annahme, dass wir nach Zweckmotiven handeln können,ohne uns doch derselben bewusst zu sein, hat nun offenbar so langeeine nicht geringe Schwierigkeit, als man mit Mill voraussetzt, injedem individuellen Bewusstsein müssten sich jene Zweckmotive undihre Verdichtungen zu instinctiven Gefühlsmotiven immer von neuementwickeln. Die Schwierigkeit wird dagegen erheblich vermindert,wenn man einen Zusammenhang der Individuen annimmt, durch dendie Errungenschaften früherer Geschlechter wenigstens im Keimeauf die Nachkommen übergehen. Auf diese Weise führt der Utili-tarismus zum Evolutionismus, und zwar zu einem subjectivenEvolutionismus, insofern die sittliche Entwicklung dabei als eine imBewusstsein der einzelnen Individuen sich vollziehende gedacht wird.Derselbe bildet das Gegenstück zu dem objectiven Evolutionis-mus Hegels sowie Comtes, für welche die Entwicklung der Sittlich-keit mit dem Fortschritt der geistigen Entwicklung im allgemeinenzusammenfiel.
d. Die utilitaris che Ethik unter dem Einfluss derDeseendenzlehre.
Wie Darwins Descendenztheorie weit über den Umkreis derNaturwissenschaften hinaus auf die wissenschaftlichen Anschauungeneingewirkt hat, so war insbesondere für das Gebiet der Ethik dieserEinfluss ein naheliegender, um so mehr da ihm hier längst bekannteErscheinungen der sittlichen Entwicklung unterstützend zur Seitestanden. Dabei ist freilich Darwin selbst von dem gleichzeitigenUtilitarismus beeinflusst. Liegt doch schon der Kernpunkt seinerDeseendenzlehre eben darin, dass in dem Kampfe ums Daseinsolche durch zufällige Bedingungen entstandene Eigenschaften sichfortpflanzen und steigern, die der betreffenden Species nützlich