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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Der Utilitarismus und Positivismus in England und Frankreich. 397

Diese Gedanken sind es zugleich, an welche die spätere Wand-lung der Anschauungen Comtes anknüpft. Indem allmählich bei ihmdie Verherrlichung der abstract mathematischen Methode und derpraktischen Verständigkeit des industriellen Geistes in einer mystischreligiösen Gefühlsschwärmerei ihre Ergänzung sucht, wird die Liebeüber die Rolle eines ethischen Motivs, das ihr in der ursprünglichenTheorie des Altruismus zukam, weit hinausgehoben, sie wird zumwesentlichsten Inhalt einer Humanitätsreligion, deren Gott die Mensch-heit ist, und deren Cultus in Handlungen besteht, in denen sichsymbolisch die allgemeine Menschenliebe bethätigen soll. Das Bild,das auf Grund dieser Anschauungen Comte von der menschlichenZukunft entwirft, ist eine Utopie, welche durch die Stellung, die inihr ein alle Lebensverhältnisse überwachendes Priesterthum einnimmt,stark an die Platonische Republik erinnert, wie denn auch in derGesellschaft der Zukunft der persönlichen Freiheit nur ein äusserstbescheidener Raum bleibt. Die anthropologische Umdeutung aber,die in dieser Zukunftsreligion alle bisherigen Religionsanschauungenund vor allem die christlichen Dogmen erfahren, wie nicht minderder Werth, den der Positivismus schon in seiner ersten Periode derFamilie im sittlichen Leben zuweist, erinnert an Feuerbach. Wäh-rend letzterer jedoch von religionsphilosophischen Ideen ausgegangenwar, um diese schliesslich vollständig in werkthätige Menschenliebeaufzulösen, wird Comte von einer halb geschichtsphilosophischen halbMilitärischen Gesellschaftstheorie zu einer vollkommen ernsthaft ge-meinten Humanitätsreligion übergeführt, die er mit selbsterfundenenoder der katholischen Kirche entlehnten Cultusformen zu schmückensucht*).

Die bedeutenderen unter den Schülern Comtes haben sich seinenletzten Wandlungen nicht angeschlossen. Sie hielten an der früherenGestalt des positiven Systems fest und betrachteten die Schöpfungderpositiven Religion als eine Verirrung des Philosophen. Je

*) Systeme de politique positive. T. IV. In Bezug auf die erste Periodedes Positivismus ist die Analogie zwischen Feuerbach und Comte schon vonFr. Jodl (Geschichte der Ethik in der neueren Philosophie, II, S. 270 f.) betontworden. Wenn übrigens in diesem sonst vieles Treffliche enthaltenden WerkFeuerbach, Comte und John Stuart Mill als die drei einander parallel gehendenEndstadien der ethischen Entwicklung in Deutschland, Frankreich und Englandbetrachtet werden, so kann ich dieser Auffassung nicht zustimmen.