Der Utilitarismus und Positivismus in England und Frankreich. 395
relatives Recht einzuräumen und ihre Verdienste um die allgemeineEntwicklung der Cultur hervorzulieben. Aber an dem Fehler, dasEndziel der Geschichte kennen zu wollen, leidet diese Geschichts-philosophie vielleicht mehr als jede andere. Wie das positive End-stadium der Wissenschaft für Comte vollständig in dem Gesichtskreisder französischen Mathematik und mathematischen Naturwissenschaftaus den ersten Decennien unseres Jahrhunderts eingeschlossen liegt,so bildet für ihn der Aufschwung der Industrie in dieser Zeit denMassstab, an dem er die demnächst zu erreichende höchste Stufesocialer und politischer Entwicklung misst. Eine Theilung der Arbeit,bei der jedem die seinen Fähigkeiten angemessene Thätigkeit zu-gewiesen ist, und eine durch die so bewirkte Steigerung der intel-lectuellen und physischen Kräfte immer vollständigere Beherrschungder Natur ist ihm der letzte Zweck der Organisation der Gesellschaft.Die einzelnen Kräfte zu diesem allgemeinen Zweck zu verbinden,ihre Zersplitterung und schädliche Reibungen zwischen ihnen zu ver-hüten, ist die letzte Aufgabe der Regierung. Indem er hiernach„Ordre et progres“, die Ordnung als die Grundlage, den Fortschrittals den Zweck der Gesellschaft bezeichnet, bewegen sich ComtesAnschauungen in einem vollständigen Gegensätze zur revolutionärenGesellschaftstheorie des vorangegangenen Jahrhunderts*). Auch er-scheint bei ihm der Fortschritt nicht bloss als eine Förderung desWohls der Einzelnen oder der grösstmöglichen Zahl, wie in demgleichzeitigen Utilitarismus. Denn die „Gesellschaft“, die er freilichganz im Sinne des „Contrat social“ mit dem Staate zusammenfliessenlässt, ist ihm doch mehr als die Summe der Einzelnen: über denEinzelnen stehend, ist sie es, die, geleitet von einer die Arbeit undErziehung planmässig regelnden Regierung, den höchsten Zweckender Menschheit, der Beherrschung der Natur und der Erkenntnissder Gesetze der Erscheinungen, die Kräfte aller Einzelnen dienstbarmacht **). So erscheint in dem Ideal des positiven Zeitalters, dessenersten Anbruch Comte verkündet, abgesehen von den reichlich vor-handenen materiellen Gütern, die Befriedigung des intellectuellen In-teresses, das sich übrigens wohlweislich auf die Thatsachen und ihrenZusammenhang beschränken wird, als das letzte und höchste Zielmenschlichen Strebens.
Hier greift nun aber ein drittes Princip ein. Der Ordnung
*) Philos. pos. T. VI, Leij. 57.
**) Ebene!. Leij. 60.