Druckschrift 
Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
Entstehung
Seite
394
Einzelbild herunterladen
 

394

Die neuere Ethik.

genug war, um den mannigfaltigsten socialen und politischen Anschau-ungen neben sich Raum zu lassen.

In jener Grundtendenz besteht nun zwischen Benthams Utilitaris-mus und dem Positivismus AugusteComtes volle U ebereinstimmung.Auch für Comte beruht das Glück der Einzelnen auf dem Zustandder bürgerlichen Gesellschaft; und die verwickelten Gleichgewichts-bedingungen der letzteren lassen immer nur ein relatives, nie einabsolutes Maximum an Glück zu. Aber in seiner Auffassung desgesellschaftlichen Zustandes ergänzt er zugleich Bentham nach einerwichtigen Seite. Dieser ist wie in der verstandesmässigen Begründungder ethischen Motive, so in der ungeschichtlichen Auffassung vonStaat und Gesellschaft ganz und gar ein Mann des 18ten Jahr-hunderts. Comtes Philosophie dagegen ist, nicht weniger wie die-jenige Hegels, von der Idee geschichtlicher Entwicklung erfüllt.Aber hatte bei Hegel das Schema der dialektischen Methode her-halten müssen, um den Gang der Geschichte unter allgemeine Ver-nunftgesetze zu bringen, so war es bei Comte eine der Erfahrungvielleicht mehr abgelauschte, dafür jedoch um so dürftigere Abstrac-tion, die dazu helfen sollte, nicht nur die Vergangenheit zu verstehen,sondern selbst der Gegenwart und Zukunft ihre Regeln vorzuschreiben.SeinGesetz der drei Stadien, wonach die Menschheit zuerst vontheologischen, dann von metaphysischen, zuletzt aber und definitivvon positiven, nur der wirklichen Welt entnommenen Ideen beherrschtsein soll, gibt ihm nicht nur den äusseren Leitfaden ab, um die Ent-wicklung des wissenschaftlichen Geistes in einem bei aller Einseitig-keit der Betrachtung grossartigen Bilde zu zeichnen, sondern dasnämliche Gesetz wird ihm zugleich massgebend für die Beurtheilungder politischen Geschichte und der socialen Zustände der Völker*).Hier wird dann freilich mehr als das ursprüngliche Gesetz die Hülfs-annahme massgebend, dass dem theologischen Stadium der kriege-rische, dem positiven der industrielle Zustand der Cultur entspreche,während die metaphysische Periode, wie sie in intellectueller Be-ziehung ein Mittelding zwischen Mythologie und Wissenschaft sei,so auch in socialer Hinsicht einen Uebergangszustand darstelle.Dieser geschichtsphilosophische Standpunkt befähigt Comte, denEigenthiimlichkeiten überwundener Culturstufen, wie der Sclavereides Alterthums oder der Hierarchie der mittelalterlichen Kirche, ihr

*) Cours de Philosophie positive, T. I, Le9- 1, T. IY, Le^. 51.