Der Utilitarismus und Positivismus in England und Frankreich. 391
erhebt sich überhaupt die Frage, ob bei dem Mass der maximalenGlückseligkeit entweder die Intensität der Lust oder ihre exten-sive Ausbreitung von höherem Werthe, ob es also vorzüglicher sei,dass sich eine kleinere Zahl einer hohen Wohlfahrt, oder dass sicheine grössere einer verhältnissmässig geringeren Wohlfahrt erfreue.
Bentham sucht dieses Problem zu lösen, indem er zunächst dieHauptformen von Lust und Unlust der Untersuchung unterwirft,von den einfachen Freuden der Sinne ausgehend und bei den ver-wickelteren Freuden, welche die Beziehung zu andern Menschen unddas Leben in der Gesellschaft gewähren, endend. Diese Untersuchungergibt, dass die Freuden des Reichthums insofern eine centraleStellung einnehmen, als er die Mittel an die Hand gibt, um dieübrigen Formen der Freude, wie sinnliche Genüsse, Unabhängigkeit,Macht, Wohlwollen u. dgl., überhaupt gemessen zu können. Auchdie Gesetzgebung hat daher, abgesehen davon dass sie die Erhaltungder Existenz der Einzelnen möglich machen muss, neben der Sicher-heit und der Gleichheit der Staatsbürger vor allem deren Wohlstandzu fördern. Vermöge der wichtigen Stellung, welche der Wohl-stand in dem System der Güter einnimmt, indem er nicht sowohlselbst ein Gut als das Hülfsmittel zur Erwerbung der Güter ist,reducirt sich also jene Frage nach dem Verhältniss von Intensitätund Extension des Wohles auf die andre, ob das Gemeinwohl dannein grösseres sei, wenn Wenige einen grossen, oder dann, wennViele einen mässigen Wohlstand gemessen. Bentham beantwortetdiese Frage durch eine Betrachtung, welche an Dan. Bernoullis„mensura sortis“ erinnert. Dieser hatte mit Rücksicht auf das Glücks-spiel bemerkt, der Zuwachs an Wohlbefinden, welchen ein bestimmterGewinn hervorbringe, sei umgekehrt proportional dem bereits vorhan-denen Besitz. Bentham deducirt allgemeiner aber unbestimmter,jedem Quantum Reichthum entspreche ein Quantum Glückseligkeit,von zwei Individuen mit ungleichem Besitz sei daher unter sonstgleichen Bedingungen der Reichere jedenfalls der Glückseligere; aberder Ueberschuss des Reichen an Glück sei nicht so gross wie seinUeberschuss an Reichthum. Je mehr sich daher das Verhältniss desBesitzthums der Bürger eines Gemeinwesens der Gleichheit nähere,desto grösser sei die Summe der Glückseligkeit. Diese Folgerungwürde direct zum Communismus führen, wenn nicht gleichzeitig nochein anderer Gesichtspunkt zur Geltung käme. Nicht bloss den Wohl-stand und die Gleichheit, sondern auch die Sicherheit der Bürgerhat nämlich der Staat zu wahren; ja die Sicherheit ist das höhere