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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die neuere Ethik.

Standpunkt der Reflexion der vorwaltende bleibt. Nur in der einenBeziehung geht sie entschieden über denselben hinaus, dass sie aufdas Gesammtwohl den entscheidenden Werth legt. In dieser uni-versellen Tendenz geht sie wieder auf den ersten Begründer der engli-schen Moralphilosophie, auf Baco, zurück, und sie verlässt zugleich,wenigstens in Bezug auf die Zwecke des Sittlichen, die Bahnen desseitherigen Empirismus, indem sie diese Zwecke bis zu einem ge-wissen Grade als ideale, erst in der Zukunft zu realisirende be-trachtet. In Folge dieser Richtung auf die Zukunft vollzieht sichmehr und mehr der Uebergang zu einer evolutionistischen Ethik,welche mit den Bestrebungen der früheren deutschen Aufklärungs-philosophie und selbst mit denjenigen des neueren deutschen Idealis-mus manches Verwandte darbietet. Von diesem scheidet sie abernicht nur die völlig empirische Behandlung der Motive des Sittlichen,sondern auch die realistische Auffassung der Zwecke. Indem sieunter der Gesammtheit niemals etwas anderes versteht als die Summeder Individuen, fällt ihr auch der Begriff des Gesammtwohls stetszusammen mit dem Wohl Aller oder der Mehrheit der Einzelnen.Ihr Universalismus behält also stets eine individualistische Grundlage.

Bahnbrechend für diese Entwicklung sind die Werke JeremiasBenthams*). Wie dereinst bei Baco, so sind auch bei Bentkampolitische und juristische Gesichtspunkte von vorwaltender Bedeu-tung. Dabei geht er von vornherein von der Voraussetzung aus,dass die Ethik auf dasselbe allgemeine Princip zu gründen sei wiedie Gesetzgebung, und hierdurch tritt bei ihm von selbst das Ge-meinwohl in den Vordergrund des ethischen Interesses. Dochwährend Baco diesen Begriff des Gemeinwohls nicht hinreichendbestimmt hatte, definirt Bentham denselben alsdas grösstmöglicheWohl der grösstmöglichen Zahl oder, wie er es kürzer auch aus-drückt, als dieMaximation der Glückseligkeit. In dem grösst-möglichen Wohl der grösstmöglichen Zahl liegt nun aber eineUnbestimmtheit. Abgesehen davon, dass dadurch selbstverständlichdie Grösse der allgemeinen Wohlfahrt von den an und für sich demWechsel unterworfenen Existenzbedingungen abhängig gemacht wird,

*) Oeuvres de J. Bentham, Bruxelles 1829, t. IIII. Darin beson-ders: Traite de legislation, par E. Dumont, Principes, in t. 1, und Theorie despeines et des recompenses, in t. II. Beide Werke sind freie Bearbeitungen,nicht Uebersetzungen; das erstgenannte hat Ed. Beneke ins Deutsche über-tragen, 2 Bände. Berlin 1830.