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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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386
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3 Die neuere Ethik.

zufügen, wie gut, löblich u. s. w., welche jene Unbestimmtheit be-seitigen sollen, die aber ihrerseits nicht näher definirt werden. Aufdie Frage nach dem Grund des verpflichtenden Charakters derethischen Normen gibt daher die Herbartsche Ethik ebenso wenigeine Antwort, wie ihre formale Bestimmung des Aesthetischen dieWirkung des Schönen auf das menschliche Gemüth begreiflich macht.Der Mensch, den Herbart construirt, ist ein kühl abmessender Vor-stellungsautomat: wenn sich seine Vorstellungen ins Gleichgewichtsetzen, so gibt er seine Zustimmung; wenn sie es nicht thun, soverweigert er sie. Dass an diesen Verhältnissen des Vorstellens undWollens alle Seligkeit und alles Unheil des Menschen hängt, würdederjenige nicht ahnen, der es etwa nicht ohnehin wüsste. Dieserunbefriedigende Charakter der Lehre im ganzen schliesst natürlichnicht aus, dass im einzelnen lichtvolle Bemerkungen Vorkommen.Auch bleibt die sorgfältige formale Unterscheidung der verschiedenensittlichen Lebensgebiete ein Verdienst, wenngleich die Zurückführungauf bestimmte Willensverhältnisse gezwungen und einseitig bleibt.

Uebrigens trifft diese Philosophie in einem Punkte mit dergleichzeitigen idealistischen Ethik zusammen, ein Zusammentreffendas um so merkwürdiger ist, als hier gerade Herbart in Widerstreitmit seiner eigenen Metaphysik geräth. Diese ist individualistisch;sie ist es in höherem Masse als ihre Vorläuferin, die LeibnizscheMonadenlehre. In ihr hatte die universelle Harmonie der Monadenein Band des Zusammenhangs gebildet, welches die Schranke desEinzelwesens in den wichtigsten Beziehungen wieder aufhob. BeiHerbart ist diese Harmonie beseitigt. Dem einzelnen einfachen Wesenverräth sich die Existenz anderer nur durch die Störungen, die esvon ihnen erfährt, und es erscheint beinahe befremdlich, dass dieSelbsterhaltung gegen diese Störungen, welche die Grundlage allesVorstellens und Fühlens ist, nicht auch der Ethik eine ausschliesslichindividuelle Richtung gibt. Gleichwohl ist dies nicht der Fall, sondernin der beseelten Gesellschaft nimmt Herbart einen Gesammtwillenan, welchem alle Einzelwillen sich unterordnen, und welchem zwarkeine wirkliche, aber doch eine ideelle Gesellschaftsseele entspricht,die in ihren Aeusserungen der Einzelseele analog gedacht wird, indemsich die Einzelseelen zu ihr ähnlich verhalten sollen wie die einzelnenVorstellungen zu ihrer aller Vereinigung in einem Bewusstsein*).

*) Allg.prakt. Philosophie, Buch I, Cap. 12, und: Ueber einige Beziehungenzwischen Psychologie und Staatswissenschaft, Werke, Bd. 9, 8. 201. Vgl. auchPsychologie als Wissenschaft, II. Thl., Werke, Bd. 6, S. 3148.