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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Vermittelnde Richtungen zwischen Universalismus und Individualismus. 383

hebt. Die einzige dauernde Befriedigung aber entspringt aus derVerneinung des Willens, dem Verzicht auf jedes Streben, amvollkommensten aus dem Verzicht auf das Leben selbst. Doch dergemeinsame Charakterzug der auf Kant gefolgten ethischen Specu-lation tritt gleichwohl auch bei Schopenhauer hervor, da er keineandere Quelle der moralischen Triebe aufzufinden weiss, als jenenallgemeinen Weltwillen, in welchem die Unterschiede der Individuenaufgehoben sind. Sein Moralprincip, das Mitleid, scheint ihm selbsteiner empirischen Ableitung unzugänglich. Es ist, wie er sich aus-drückt, ein Mysterium, welches nur in dem "Ev /tat tiäv sich enthüllt,in der Wahrheit, dass das Ich in dem Andern sich selbst erkenntund daher dessen Leid wie sein eigenes Leid empfindet. So brichtin diesem weitabgewandten Denker die universelle Richtung dermodernen Ethik fast wider seinen eigenen Willen sich Bahn.

4. Die neuere realistische Ethik.

Zur realistischen Ethik rechnen wir alle die Richtungen, dieaus den realen Verhältnissen des sittlichen Lebens ethische Principienzu gewinnen suchen. Dabei können diese Principien immerhin einenidealen Charakter insofern besitzen, als zugestanden wird, dass siein der von der Theorie aufgestellten Form niemals in der Erfahrungzu einer vollkommen adäquaten Verwirklichung gelangen, so langesie nur nicht zugleich aus idealen, d. h. in der Wirklichkeit nichtconstatirbaren Voraussetzungen abgeleitet werden.

Da die realistische Ethik von den realen sittlichen Tliatsachender Erfahrung ausgeht, so schliesst sie sich am nächsten an dievorangegangenen Entwicklungen der empirischen Moralphilosophiean, zu der sie in einem ähnlichen Verhältnisse steht wie die neuerenAnschauungen des speculativen Idealismus zu der älteren Metaphysik.Mit Rücksicht auf jene Erfahrungsgrundlage würde sie einfach alseine Fortsetzung des ethischen Empirismus betrachtet werden können.Während aber dieser fast ganz in der Untersuchung der Motivedes Sittlichen aufging und die Erwägung der Zwecke desselbenverhältnissmässig zurücktreten liess, sind es gerade die letzteren, dievon der neueren realistischen Ethik vorzugsweise berücksichtigtwerden. Hierbei entfernt sie sich nun nothwendig bis zu einemgewissen Grade von dem Boden der Erfahrung, da diese Zweckezumeist als solche, die in der Zukunft liegen und erst zu realisiren