382
Die neuere Ethik.
sei, wie Recht und Staat in ihrer empirischen Wirklichkeit entstehen,erfahren wir aber nicht, es müsste denn sein, dass man das Ein-greifen des Urwillens in den Einzelwillen oder das Darlehen Gottes
O
in der Geschichte für Erklärungen halten wollte. Dennoch tritt einMoment, das bei Schleiermacher im Hintergründe geblieben, in dieserPhilosophie bedeutsam hervor. Es ist dies die trotz phantastischerSchwärmerei von echtem historischem Sinn zeugende Vertiefung indie Probleme der objectiven Sittlichkeit in Recht, Staat und Ge-schichte. Hierin berührt sich Krause mit Hegel, von dem ihnaber seine höhere Schätzung der sittlichen Einzelpersönlichkeit trennt,durch die auch seine Rechtsauffassung eine wesentlich andere wird.Insbesondere ist so in seine Philosophie die energische Betonung desin vollem Gegensätze zur älteren Rechtstheorie stehenden Grundsatzesgekommen, dass das Recht das organische Ganze aller von der mensch-lichen Freiheit abhängigen Lebenserscheinungen sei. Dieser Gedankesichert Krause eine ehrenvolle Stelle in der Geschichte der neuerenEthik, auch wenn von seinen näheren Ausführungen weniges nurals dauerhaft erkannt werden sollte.
Waltet bei den zuletzt besprochenen Denkern das Streben vor,dem Einzelnen in dem Ganzen des sittlichen Lebens seinen Werthzu sichern, so setzt sich dagegen mit dieser Tendenz, nicht minderaber auch mit der Annahme einer in Staat und Geschichte objectivgewordenen Sittlichkeit, ein letzter Vertreter des speculativen Idealis-mus, Schopenhauer, in directen Widerstreit. Die Einzelpersönlich-keit ist ihm nichtig und vergänglich; nur die Gattung bleibt bestehen,für deren Zwecke der Einzelne arbeitet und sich opfert, ohne sichdessen bewusst zu werden, ja indem er in dem Wahne steht seineigenes Glück zu fördern*). Aber auch das Leben der Gattung istein Oscilliren zwischen Tod und Zeugung, in welchem nichts be-ständig als der Schmerz und die Täuschung des Einzelnen. DerStaat ist eine Zwangsanstalt, der die egoistischen Triebe in Schrankenhält und sich dazu des Schreckens der Strafe als des wirksamstenMittels bedient; die Geschichte eine thörichte Komödie, in welcherjeder Mitspielende Andere zu täuschen meint und schliesslich sichselbst täuscht. Nur die Kunst schafft ein vorübergehendes Glück,indem sie sich zur reinen, interesselosen Anschauung der Ideen er-
*) Die Welt als Wille und Vorstellung, I, bes. §§. 66—68. Preisschriftüber die Grundlage der Moral, 2. Aufl., §. 16 und §. 22.