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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die neuere Etliik.

werdung soll jene Ineinsbildung von Vernunft und Natur beginnen,welche dann in der menschlichen Bildung ihre höchste Stufeerreicht. Hier wiederholt sich der Hegel'sche Versuch der Auflösungdes Sittlichen in einen allgemeinen, schliesslich Natur und Geist um-fassenden Entwicklungsprocess: aber er wiederholt sich in einer durchdie Gegenüberstellung von Vernunft und Natur geänderten Form.Die Wirkung der Vernunft, die auf den niederen Stufen als Trieb,auf den höheren als Wille sich offenbart, scheidet dann weiterhinSchleiermacher in eine organisirende und eine symbolisirende.Die organisirende strebt auf die Natur als solche zu wirken, dasVernunftgesetz in den natürlichen Einrichtungen zu verwirklichen;die symbolisirende benutzt die Natur, um durch sie äussere, sinn-liche Symbole ihres Handelns zu gewinnen. In das Gebiet der organi-sirenden Thätigkeit gehören daher Verkehr und Eigenthum, in dasder symbolisirenden die Sprache und die Kunst, als Ausdrucksmitteldes Denkens die erste, des Gefühls die zweite. Diesen vier Gebietender Vernunftthätigkeit entsprechen schliesslich vier ethische Organi-sationen: der Staat, die gesellige Gemeinschaft, die Schuleund Kirche. Mit ihnen bringt Schleiermacher auch seine vierCardinaltugenden in eine gewisse Beziehung; sie sind Besonnen-heit, Beharrlichkeit, Weisheit und Liebe*). Ihnen zurSeite stehen vier Pflichtgebiete: die Rechtspflicht, die Berufs-pflicht, die Liebes- und die Gewissenspflicht, deren allge-meiner Inhalt durch die Formulirungeu der Sittengebote bestimmtwird**).

In diesen Ausführungen wird, im Unterschied von der Kau-tischen Formel, der Inhalt der sittlichen Handlungen so erschöpfendwie möglich bestimmt. Der allgemeine Charakter der Anschauungenist der Sittenlehre Ficlites verwandt. Doch geht Schleiermacher inzwei Beziehungen über seinen Vorgänger hinaus. Einmal ist ihmdas Subject, an das sich das Sittengebot richtet, kein unbestimmtes,allgemeines oder überall gleiches, sondern er erblickt in ihm dieconcrete Einzelp ersönlichkeit mit ihren individuell bestimmtenAnlagen und Kräften und ihrem nach diesen sich richtenden speci-fischen sittlichen Beruf. Das Sittliche ist ihm ein univer-selles nur insoweit, als die menschliche Natur eine übereinstimmendeist; es wird ihm zu einem individuellen, sobald theils die beson-

*) Ebend. S. 179—206.

**) Ebend. S. 214—226.