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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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377
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Vermittelnde Richtungen zwischen Universalismus und Individualismus. 377

d. Vermittelnde Richtungen zwischen Universalismus undIndividualismus.

Unter diesen Bestrebungen verdienen besonders die eine nähereBeachtung, welche, gegenüber den bei Hegel allzu einseitig bevor-zugten allgemeinen und objectiven ethischen Formen, der Binzei-persönlichkeit eine berechtigte Stellung in dem Ganzen des sitt-lichen Lebens einräumen. Unter den Denkern dieser Richtung sindSchleiermacher und Krause wegen der Tiefe und Energie ihrerethischen Anschauungen bemerkenswerth.

Durch ihr dialektisches Gewand ist Schleiermachers Sitten-lehre der speculativen Ethik Fichtes und Hegels am nächsten verwandt.Aber wie er schon in seiner Dialektik die idealistische mit einerrealistischen Weltanschauung zu vermitteln strebt, indem er den be-grifflichen Formen und Verknüpfungen unseres Denkens ihnen ent-sprechende reale Formen und Verbindungen der Dinge gegenüber-stellt und den Erkenntnisprocess in dem Einswerden beider mit ein-ander erblickt*), so geht er auch auf ethischem Gebiete von derGegenüberstellung von Vernunft und Natur aus. Er gibt daherdem Sittlichen den weitesten Umfang: sein Inhalt ist das Wirkender Vernunft auf die Natur**). In der Einigung beider bestehtder Begriff des Gutes. Der Güter gibt es so viele, als es äussereWirkungsformen der Vernunft gibt; aus der Totalität ihrer allerentsteht aber der Begriff des höchsten Gutes***). Die Kraft derVernunft über die Natur ist die Tugend, das Gesetz nach welchemdiese Kraft wirkt die Pflichtf). Der Anklang dieser Anschauungenan Fichte ist nicht zu verkennen; aber die Natur ist hier nichtmehr eine Schranke, von der sich der sittliche Wille ganz zu be-freien strebt, sondern sie ist zu einer realen Macht geworden, die,wenn das Sittliche entstehen soll, zu der Vernunftthätigkeit ebensonothwendig gehört, wie der Stoff zu der Form. Noch mehr wirddieser Werth des Natürlichen ins Licht gestellt, indem Schleiermacherdie Naturprocesse geradezu als Vorstufen der sittlichen Handlungenbetrachtet. In Mechanismus und Chemismus, in Vegetation und Thier-

*) Dialektik, herausgeg. von Jonas, § 106 ff.

**) Grundriss der philosophischen Ethik, herausgeg. von Tewsten, Einlei-tung, II und III.

***) Philos. Ethik, S. 38 ff. Grundlinien einer Kritik der bisherigen Sitten-lehre, S. 231.

t) Philos. Ethik, S. 179, 207.