Druckschrift 
Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
Entstehung
Seite
371
Einzelbild herunterladen
 

Fichte.

371

Menschen, die immer erstrebt werden soll, wenn sie auch nie völligerreicht werden kann, und Fichtes Moralgesetz lautet: „Erfülle jedes-mal deine Bestimmung!“*) So tritt zu dieser Versöhnung des Em-pirischen mit dem Intelligibeln, des Sinnlichen mit dem Sittlichenals ein neues Moment der Gedanke der Entwicklung hinzu.Im Vergleich mit Kant bezeichnet theils diese Einführung der Ent-wicklungsidee, theils die Verflüssigung der Gegensätze zwischen demSinnlichen und Intelligibeln einen zweifellosen Fortschritt. Der völligunvollziehbare Gedanke eines Kampfes zwischen einem inhaltsleerenFormprincip und den empirisch bestimmten sinnlichen Trieben undNeigungen wird dadurch beseitigt. Der Kampf bleibt bestehen, aberer verwandelt sich in einen solchen zwischen gleichgearteten Gegnern,indem er auf den Gegensatz zwischen dem sittlichen und dem sinn-lichen Trieb zurückgeführt, also auch das sittliche Streben als einTrieb aufgefasst wird, was nur geschehen kann, wenn auch hierdie sinnliche Abhängigkeit oder, wie Fichte es ausdrückt, die derThätigkeit des Ich sich entgegenstellende „Schranke“ eine wesent-liche Bedingung ist. Nur darin, dass der sittliche Trieb zugleichals der reine aufgefasst wird, als ein Sehnen das sich jeder sinn-lichen Schranke zu entledigen strebt, und darin, dass schliesslich dasSinnliche mit dem Bösen zusammenfliesst, klingen Plato und Kant an.

Doch jener Naturhass, welcher die Platonische Philosophie er-füllt, nimmt auf dem Standpunkte dieses Idealismus eine wesentlichneue Gestalt an. Die Aussenwelt, wie sie speculativ als eine sichselbst beschränkende Thathandlung des Ich aufgefasst wird, hatpraktisch lediglich die Bedeutung eines Mittels für seine Thätigkeit,eines Materials für - sein Handeln. Die Natur ist sich nicht selbstZweck, sondern „die Dinge sind, was wir aus ihnen machen“. Alssittliche Aufgabe für das Streben des Ich ergibt sich so, das Objectganz dem Subject dienstbar zu machen: die Vernunft strebt sich zurealisiren, indem sie in der natürlichen Welt die sittliche Welt-ordnung zur Verwirklichung bringt. Dies geschieht in einer Stufen-folge von Entwicklungsmomenten, deren letztes im Unendlichen liegtund deren jedem eine bestimmte ethische Bedeutung zukommt. Sofindet sich das Ich zunächst als selbstbewusste Individualität; alssolche ist es aber nur möglich, indem es eines unter mehrerenvernünftigen Wesen ist. Indem jedes derselben sich die gleiche freieWirksamkeit zuschreiben muss, wird das Verhältniss des Einzelnen

') System der Sittenlehre von 1798, Werke, Bd. 4, S. 18 ff.