370
Die neuere Ethik.
Einfluss ausgeübt. Sie verdankt dies vor allem der Strenge ihresPflichtbegriffs, der energischen Abwehrung eudämonistischer undutilitarischer Motive. Eine je grössere Verbreitung die letztereninnerhalb der englischen, französischen und schliesslich auch derdeutschen Aufklärungsphilosophie gewonnen, um so mehr musstensich Alle, denen diese äussere Alltagsmoral mit ihren auf egoistischeBerechnung oder besten Falls auf Weltklugheit gegründeten Er-wägungen widerstrebte, von der Strenge der ethischen GrundsätzeKants angezogen fühlen. In dem Kantischen Pflichtbegriff lebt etwasvon dem asketischen Geist der christlichen Ethik, und spiegelt sichzugleich die ernste Lebensauffassung des deutschen protestantischenVördens der Fridericianischen Zeit*).
b. Pichte.
Der auf Kant gefolgte deutsche Idealismus ist besonders darinüber Kant hinausgegangen, dass er den bei ihm bestehenden undfür die Ethik so bedeutsamen Gegensatz der Begriffe des Phä-nomenalen und des Intelligibeln zu vermitteln strebte. Auch dieKluft zwischen dem Sinnlichen und Sittlichen wurde daher über-brückt, indem man beide als die Stufen einer innerlich nothwendigenEntwicklung darzustellen suchte. Wie nach Fichte das Subjectund das Object Entwicklungsmomente eines und desselben absolutenIch sind, so bilden die sinnliche und die sittliche Welt, das Reichdes Erkennens und des praktischen Handelns, einen einzigen Kreisvon Thätigkeiten jenes Ich, in welchem jedes Glied aus dem voran-gegangenen mit Nothwendigbeit hervorgeht. Eine letzte Spur desPlatonischen Gegensatzes klingt freilich darin noch an, dass dastheoretische Ich als ein leidendes, das praktische als ein tliätiges sichempfindet. Aber dieser Gegensatz wird dadurch ausgeglichen, dass daserkennende Ich die Schranke, die ihm als wirkendes Object erscheint,schliesslich doch durch seine eigene Thätigkeit erzeugt haben soll,während die Existenz des Sittlichen darauf beruht, dass den Hand-lungen des Ich stets eine Schranke gesetzt sei, über die hinaus eseinem Ziele zustrebe, in dessen unendlicher Ferne erst seine völligeAutonomie liege. Darum ist für Fichte alles sittliche HandelnStreben nach dem Ideal. Das Ideal ist die Bestimmung des
*) Vgl. hierüber meine Rede über den Zusammenhang der Philosophiemit der Zeitgeschichte, eine Centenarbetrachtung. Deutsche Rundschau, 1890.