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Die neuere Ethik.
Sein*). Wir selbst sind demnach gleichzeitig sinnliche und über-sinnliche Wesen. Als sinnliche stehen wir mitten in der Causalitätder Natur und bedienen uns der Anschauungs- und Denkformen,auf deren Anwendung alle Gesetzmässigkeit der Natur beruht; alsübersinnliche sind wir die Träger dieser Anschauungs- und Denk-formen und als solche den letzteren, die sich nur auf Erscheinungenbeziehen, nicht unterworfen. Diese Anwendung des Begriffs eines„Dinges an sich“, eines unbedingten Grundes der Erscheinungswelt,wird aber nun deshalb besonders zu einem Fundament für unserenGlauben an eine übersinnliche Welt, 1 weil in uns ein Princip ge-geben ist, welches wir nicht auf unser sinnliches, sondern nur aufunser übersinnliches Wesen beziehen können. Dieses Princip ist dasSittengesetz. Es verpflichtet uns unbedingt zu sittlichen Hand-lungen und setzt daher die völlige Autonomie unseres Willens voraus.Nun ist als Glied in der Kette der Erscheinungen der Wille nichtunbedingt, sondern der Causalität unterworfen. Das Sittengesetzentspringt also aus der übersinnlichen Natur unseres Wesens. Wirdauf diese Weise unter jenen Ideen des Unbedingten, zu welchenschon die theoretische Vernunft in dem Streben die Reihe der Be-dingungen abzuschliessen gelangt, die Idee der Freiheit durch dasGrundgesetz der praktischen Vernunft, das Sittengesetz, als gültigerwiesen, so ist aber damit auch die praktische Gültigkeit der anderentranscendenten Ideen dargethan. Denn das Sittengesetz verlangtvon uns vollkommene Tugend, die wir als sinnlich-vernünftigeWesen nicht erreichen können; es setzt daher eine übersinnlicheWelt, in welcher für uns dieses Postulat des Sittengesetzes erreichbarist. und eine übersinnliche Macht, die uns zu demselben verhilft,voraus. Die Unsterblichkeit der Seele und die Existenz Gottes, dietheoretisch niemals erweisbar sind, verwandeln sich auf diese Weisein praktische Postulate**).
Wie bei Plato, so sind es also bei Kant ethische Forderungen,welche zur Annahme der Realität einer Ideenwelt führen. Währendjedoch Plato und die ihm folgende rationalistische Metaphysik dieseRealität theoretisch zu erweisen bemüht sind, verwirft Kant jedetheoretische Beweisbarkeit derselben und wahrt ihnen den Charakterpraktischer Forderungen. Aber freilich, ganz ohne theoretischen
*) Kritik der reinen Vernunft, Analytik, 3. Hauptstück, a. a. 0. S. 196 ff.Kritik der prakt. Vernunft, S. 258 ff.
**) Kritik der prakt. Vernunft, 1. Buch, 3. Hauptst., und 2. Buch, 2. Hauptst.