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Die neuere Ethik.
bei seinen Nachfolgern zwei Schwächen hervor, die bei Leibniztheils wegen der allgemeineren Natur seiner Ausführungen theilsauch wegen seiner tieferen Auffassung der ethischen Probleme minderfühlbar sind. Die erste besteht in der individuellen Beschrän-kung des Perfectionismus. So sehr diese Moralphilosophen die Ver-vollkommnung als das hauptsächlichste Moralprincip hiuzustellenbemüht sind, so denken sie doch kaum an die Frage, ob die mora-lische Vervollkommnung auch als eine historische Thatsache, alsein Entwicklungsgesetz das die Menschheit als Ganzes angehtsich nachweisen lasse; ja Einzelne, wie Moses Mendelssohn, sindgeradezu geneigt diese Frage zu verneinen. Der Einzige, dessenhistorischer Sinn in dieser Beziehung weit über den Gesichtskreisseiner Mitstrebenden und Zeitgenossen hinausgeht, ist L es sing, undneben ihm Herder, ein Mann dessen Anschauungen freilich auchsonst noch in vielen Beziehungen feindlich den Bestrebungen derpopulären Verstandesphilosophie entgegen treten.
Die zweite Schwäche der letzteren ist gleichfalls eine Erb-schaft der Leibniz’schen Philosophie, in dieser durch den genialenTiefsinn ihres Urhebers kaum bemerklich, bei den Nachfolgern sichum so mehr hervordrängend, je mehr jener Tiefsinn einer flachenund nüchternen Verständigkeit Platz gemacht hatte. Sie besteht indem schon bei Leibniz wohl zu bemerkenden Vorwalten des In teile c-tualismus, der nun in Folge jener nüchternen Verständigkeitimmer mehr in einen oberflächlichen Utilitarismus übergeht. DasVollkommene wird dem Nützlichen gleichgesetzt. Schon bei Wolffkommt diesem moralischen Utilitarismus die äusserliche Teleologie,die seine Naturauffassung beherrscht, zu Hülfe. Wenn, wie es derGrundgedanke dieser Teleologie ist, die ganze Naturordnung nurzum Besten des Menschen besteht, so ist davon die selbstverständlichemoralische Anwendung, dass der Mensch die Dinge in Bezugauf den Nutzen, den sie ihm gewähren, zu prüfen und danach zuhandeln habe. In allen diesen Beziehungen findet aber die Ethikder deutschen Aufklärung eine wichtige Unterstützung in der Moral-philosophie Lockes und der auf ihn gefolgten theologischen Utilitarier,deren Schriften im vorigen Jahrhundert auch in Deutschland einegrosse Verbreitung gewannen.
Eine Reaction gegen diese herrschende Strömung, ähnlich der-jenigen welche in England die schottische Philosophenschule gegenLocke und seine Nachfolger ausübte, konnte nicht ausbleiben. Sieist in der That, und mit weit grösserer Macht noch als dort, ein-