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Die neuere Ethik.
alle möglichen Grade der Klarheit der Vorstellungen durchläuft.Nicht minder aber ist die individuelle Seele dem Gesetz der Vervoll-kommnung unterworfen. Die anfänghch dunkeln Vorstellungen er-heben sich in ihr unter der Mitwirkung der Erfahrung zu immergrösserer Klarheit. Hierbei gelangt nichts in die Seele was nichtvon Uranfang an in ihr läge. Denn auch die Erfahrung ist Selbst-entwicklung, eine Selbstentwicklung die aber vermöge des Gesetzesder continuirlichen Stufenfolge aller Wesen in Beziehung steht zudem was sich in andern Monaden ereignet. Von diesen Anschauungenaus wendet sich Leibniz gegen Lockes Beweisführung, dass die sitt-lichen Wahrheiten durch die Erfahrung erworben seien*). Freilichsind uns diese Wahrheiten nicht, wie Cartesius und die englischenIntellectualisten angenommen hatten, als fertige Erkenntnisse ange-boren, sondern wir tragen sie in uns als dunkle Triebe. Leibnizberuft sich hier auf das natürliche Gefühl der Humanität, den Triebnach Geselligkeit, das Gefühl für Würde und Schicklichkeit, die derMensch schon ohne Erziehung besitze, die aber allerdings durchErziehung und Erfahrung verstärkt würden. So besteht überhauptdie Erkenntniss des Sittlichen, wie alle Erkenntniss, darin dass sichdiese ursprünglich dunkeln Vorstellungen zu immer grösserer Klar-heit erheben. Damit bringt Leibniz ein Moment zur Geltung, welchesder bisherigen Ethik gefehlt hatte, obgleich es in den natürlichenBedingungen des sittlichen Lebens, namentlich in den religiösen Ge-staltungen desselben, deutlich vorgebildet liegt: alles sittliche Strebenist Streben nach dem Ideal. Dieses Streben kann nur stufenweiseseinem Ziel sich nähern; das beschränkte menschliche Wollen kanndas Ideal nie ganz erreichen. Die Aufstellung solcher Zielpunkteund die allmählichen Annäherungen an sie sind Thatsachen der Er-fahrung. Für Leibniz bilden diese zugleich eine willkommene Be-stätigung der metaphysischen Voraussetzungen seiner Ethik. JedesWesen strebt der Vollkommenheit entgegen, Vollkommenheit aberist Tugend. So erstreckt sich bei ihm die Tugend auf alle Seitendes menschlichen Wesens — sein Tugendbegriff nähert sich darinwieder dem der antiken Ethik —; die höchsten Tugenden sind aberdiejenigen, die aus der Bethätigung der Vernunft hervorgehen,und die in dem Streben nach immer vollkommenerer Erkenntnissund in der auf der Erkenntniss unserer eigenen Stellung in der Weltberuhenden Liebe zu Gott und zu unsern Mitgeschöpfen bestehen.
1 Nouv. ess., liv. II. chap. 28, a. a. 0. p. 28-5.