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Die neuere Ethik.
und da wir nur gegenüber den Mitmenschen diese Liebe betbätigenkönnen, indem wir wohl ihnen, nicht aber Gott Gutes zu erweisenim Stande sind, so ist die Liebe zu den Mitmenschen für Leibnizdie Hauptquelle aller praktischen Sittlichkeit*). So ist seine Ethiknicht mehr egoistisch, sondern altruistisch. Tugend und Glück-seligkeit sind ihm nicht bloss individuelle Güter, sondern sie sindnur erreichbar im harmonischen Zusammenleben der Menschen. Auchhier reflectirt sich in seiner Ethik seine Metaphysik, welche auf demGedanken der Weltharmonie aufgebaut ist. Ebenso bewahrt ihnnun aber diese Metaphysik, die so sehr von der Idee der Selb-ständigkeit der Einzelwesen erfüllt wird, vor einer einseitigen Bevor-zugung der altruistischen Tugenden, der Liebe und des Wohlwollensgegen Andere. Die rein persönlichen Vorzüge schätzt er nicht minderhoch; ja sie verdienen insofern den Vorrang, als sie die Bedingungenfür die Entwicklung der übrigen sind. Denn alle Tugend beruhtauf klarem Erkennen, und dieses ist zunächst eine individuelle Eigen-schaft, die erst in ihren Folgen auch zum Nutzen für Andere aus-schlägt. Darum sind überhaupt für Leibniz Tugend und Vollkommen-heit identisch. Sittliche Bildung ist geistige Vervollkommnung injeder Beziehung.
Sind Monadenlehre und prästabilirte Harmonie mit einem blossindividuell und in gewissem Sinne egoistisch gedachten Tugendbegriffnicht vereinbar, so widerstreben sie aber nicht minder einer andernSeite der Spinozistischen Lehre, der Anschauung nämlich, dass diesittlichen Gegensätze nur relative Bedeutung besitzen, dass sie alleinfür die endlichen Erscheinungen Geltung haben und in der Unend-lichkeit der Substanz verschwinden. Die Idee der Harmonie ist soinnig geknüpft an den Gedanken der sittlichen Weltordnung, dasssie fast nothwendig dazu führt in die Ursubstanz, die höchste Monade,das Sittliche selbst, nur wie alle Vorstellungen in höchster Potenz,zu verlegen. Ausdrücklich wendet sich daher Leibniz gegen jene,wie er meint, irreligiöse Auffassung, welche annimmt, das Gutesei nicht von Gott geschaffen. Aber freilich scheint dies zu derFolgerung zu führen, dass auch das Böse von Gott gewollt sei.Leibniz macht die grössten Anstrengungen, um dieser Annahme zuentgehen. Dass das Böse überhaupt in der Welt sei, sucht er durchseine Lehre von der besten Welt zu erklären. Dass die vorhandene
*) De vita beata, a. a. 0. p. 72. Nouv. ess., liv. TI, chap. 20, p. 246.Defin. ethic., ebend. p. 670, u. s. w.