Druckschrift 
Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
Entstehung
Seite
353
Einzelbild herunterladen
 

Leibiuz.

353

dem, indem er zwischen einer metaphysischen und einer moralischenNoth wendigkeit unterscheidet und die Schöpfung einer andern Weltfür metaphysisch, aber nicht für moralisch möglich erklärt, da dievorhandene Welt vermöge der vorausgesetzten unendlichen Voll-kommenheit Gottes auch nothwendig die beste sein müsse. Aberdiese Unterscheidung zwischen metaphysischer und moralischer Noth-wendigkeit ist offenbar eine künstliche und gezwungene, da geradeim Sinne der Leibniz’schen Teleologie das moralisch Nothwendigeund das metaphysisch Nothwendige zusammenfallen. Ein zweiterPunkt der Uebereinstimmung, der aus der schliesslichen Verwandt-schaft aller rationalistischen Systeme entspringt, besteht in dem In-tellectualismus. Auch für Leibniz fällt sittlich handeln undvernunftgemäss handeln zusammen; das Unsittliche ist ein Mangel,ein Irrthum, ein Erzeugniss verworrener Vorstellungen. Diese Ueber-einstimmung steht im Zusammenhänge damit, dass schon in Leibniz’Erkenntnisslehre der Gegensatz des klaren nnd verworrenen Vor-stellens vollständig dem des adäquaten und inadäquaten Erkennensbei Spinoza entspricht. Und wie bei letzterem an das Erkennender Affect, an das höchste Erkennen der vollkommenste Affect, dieintellectuelle Liebe zu Gott, geknüpft ist, so kommt bei Leibniz zuder Vorstellung das Streben, zu der klaren Vorstellung ein klarbewusstes Streben, welches mit Glückseligkeit verbunden ist und inder Liebe zu Gott und zu unsern Mitgeschöpfen besteht*).

Aber freilich, schon die verschiedene Art wie nach der letztenBemerkung beide Philosophen den sittlichen Affect der Liebe auf-fassen zeigt, welche bedeutsamen Unterschiede der sittlichen Lebens-anschauung hinter dieser metaphysischen Verwandtschaft verborgenliegen. Bei Spinoza ist, ähnlich wie bei seinem gleichzeitigen theo-logischen Gegenbilde Malebranche, die Liebe zu den Mitmenschenein minderwerthiger Affect; seine Ethik bleibt egoistisch, mag es auchein noch so veredelter und vergeistigter Egoismus sein: der amorintellectualis Dei und die Beseligung, die das Einzelwesen aus ihmfür sich selbst schöpft, ist die einzige höchste Tugend und zugleichder höchste Lohn derselben. Leibniz setzt neben die Liebe zu Gottals nahezu gleichwerthig die Liebe zu den Mitmenschen. Da jedesEinzelwesen ein Spiegel der Welt und ein Ebenbild Gottes zugleichist, so ist die Liebe zu den Mitmenschen immer auch Liebe zu Gott,

*) Nouv. eas., liv. II, chap. 21, p. 263.- Princ. de la nature et de lagräee, ebend. p. 717.

Wundt, Ethik. 2. Auli.

23