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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die neuere Ethik.

Leitung der Vernunft folgen und seinen eigenen Nutzen erstrebenfallen für Spinoza zusammen, aber er versteht freilich den Nutzennicht im Sinne der populärer Utilitätsmoral, nicht als Streben nachäusseren Vortheilen, das nur aus einem inadäquaten Erkennen ent-springt und die leidenden Affecte befördert, sondern als Erhaltungdes eigenen Seins in seiner Verbindung mit dem unendlichen Sein,wie es von der adäquaten Erkenntniss erfasst wird. Darum ist derTugendhafte heiter und selbstzufrieden, freundlich und offen gegenseine Nebenmenschen; doch das Mitleiden kennt er nicht, denn esist ein leidender Afifect und als solcher schlecht, die Hülfe aber, dieman aus Mitleiden einem Andern gewährt, leistet der Tugendhafteaus Vernunft*).

In dieser starken Betonung der individuellen Seite im Begriffder Tugend, in der Hinneigung zum beschaulichen Leben, wie siein der Hervorhebung der Selbst- und Gotteserkenntniss und der damitverbundenen Gottesliebe hervortritt, bewährt sich Spinoza als derechte Nachfolger der weltflüchtigen Richtung der christlichen Ethik.Seine Versenkung in die Gotteserkenntniss und Gottesliebe hat keinegeringe Aehnlichkeit mit den Anschauungen jener christlichen Ethiker,welche in der religiösen Contemplation das einzige Heil der gequältenSeele erblickten. Nur freilich liegt für den rationalistischen Philo-sophen dieses Heil nicht im Jenseits, sondern in dem unmittelbarenSelbstgenusse der Tugend, wenn er sich auch gegen die Unsterblich-keit keineswegs ablehnend verhält, indem er allem was die Seele inder Form der Ewigkeit erkennt und so auch ihr selbst, insofern siesich mit vollkommener Klarheit erfasst, eine ewige Existenz zuschreibt.Denn jede adäquate Idee ist ein unverlierbarer Bestandtheil des ewigenWesens**).

So tief religiös aber in allen diesen Beziehungen die EthikSpinozas genannt werden muss, ja so sehr sie gerade der mystischenSeite des christlichen Glaubens verwandt erscheint, so wenig istdoch dieses Verhältniss den Zeitgenossen offenbar geworden. DieGleichsetzung seines Substanzbegriffs mit Gott, des Gottesbegriffs mitder Natur erschien ihnen als eine den Atheismus des Philosophennur schlecht verhüllende Blasphemie; und in der völligen Nicht-achtung des Dogmengehalts der bestehenden Religionen sahen sieeine Bestätigung dieser Auffassung. Dazu kam, dass auch un-

*) Ethica, IV, Scbol. 4050.

**) Etbica, V, Schol. 2436.