348
Die neuere Ethilr.
sondern auch alles was in ihm ist, seine Attribute und Modi, wasden Lauf der Dinge im einzelnen ausmacht, vollzieht sich mit dernämlichen Nothwendigkeit*). Für den freien Willen bleibt hier keineStelle: auch jedes menschliche Handeln ist mit dem substantiellenWeltgrunde als eine nothwendige Modification seines Seins gegeben**).Im Hinblick auf diesen Zusammenhang mit dem Grund aller Dingekann daher niemals von einem Sollen, sondern immer nur von einemSein die Rede sein. Sittlich und Unsittlich sind relative Bestim-mungen, die so lange eine Bedeutung haben, als wir uns auf dieBetrachtung unserer Affecte und ihres Verhältnisses zu unserem Er-kennen beschränken, deren Werthunterschied aber in dem Zusammen-hang des Seins völlig verschwindet. Gott, das Absolute, ist wedergut noch böse, denn alle diese endlichen und relativen Bestimmungensind in ihm zur Einheit aufgehoben. Ist so das Sittliche mit seinenWerthunterschieden durchaus in das Gebiet des Endlichen, desbeschränkten Erkennens verlegt, so verliert damit natürlich jenenominalistische Anschauung, die es auf ein unmittelbares GebotGottes zurückführt, jeden Halt. Wird die Substanz selbst von jenenrelativen Werthunterschieden des Guten und Bösen nicht berührt, sokann der Grund der letzteren nur in der Beschränkung der endlichenWesen, der Modi der Substanz, gesucht werden. Nicht die „naturanaturans“, in welcher alle Gegensätze und Unterschiede des endlichenDenkens verschwinden, sondern die „natura naturata“, die unendlicheReihe der einzelnen Daseinsweisen des substantiellen Weltgrundes,ist der Ort der sittlichen wie aller andern Werthbestimmungen.
Hier im Gebiet des einzelnen Wirkens und Werdens, der naturanaturata, hat auch die menschliche Freiheit und ihr Gegentheil, dieKnechtschaft des Geistes, ihre Stelle. Denn innerhalb der Kette dereinzelnen Causalbeziehungen wird der Mensch, wie jedes andereeinzelne Ding, theils durch die in seiner eigenen Natur liegendenEigenschaften, wie sie aus dem Zusammenhang mit der unendlichenSubstanz entspringen, theils aber durch andere ausser ihm liegendeDinge bestimmt. Dort verhält er sich thätig, hier leidend. Solange er jenen inneren Bestimmungsgründen seines Wesens folgt, ister frei; sobald er durch äussere Gründe bestimmt wird, ist er un-frei. Die Unfreiheit beruht immer auf einer getrübten, inadäquatenErkenntniss; denn sobald wir unser eigenes Wesen klar erfassen,
*) Ethica, Pars I.
**) Ethica, Pars V, Schol. 11—32.