Descartes und der Cartesianismus.
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Der Wille Gottes wie der Wille des Menschen ist frei. Die Sitten-gebote sind göttliche Gebote, und dem Menschen ist es anheimge-geben, sie zu befolgen oder nicht zu befolgen. Klares Wollen undklares Erkennen aber fallen zusammen. Wäre daher der Menschbloss geistiges Wesen, so würde eine Abweichung von dem klar Er-kannten, zu dem auch das Sittengebot gehört, unmöglich sein. Dochdie menschliche Seele ist an den Körper gebunden. Nun entferntsich zwar Descartes darin von den Anschauungen der Platonisch-christlichen Philosophie, dass er diese Verbindung nicht als eine un-natürliche, dem Menschen als ein Uebel oder als Strafe begangenerSchuld auferlegte betrachtet. Sie ist ihm vielmehr eine natürliche,im ursprünglichen göttlichen Weltplan vorgesehene. Aber darin bleibtdoch ein Theil der alten Anschauung erhalten, dass auch ihm ausdieser Verbindung mit dem Körper das Böse entspringt. Nur wirdnicht unmittelbar die Materie selbst als ein Uebel betrachtet, sondernes wird der Versuch gemacht, aus den Wechselwirkungen zwischenSeele und Körper die Entstehung der Abweichung vom Guten psycho-logisch abzuleiten. Das Mittelglied, das sich hier hülfreich erweist,besteht in den Affecten. Sie sind gleichzeitig Zustände des Körpersund der Seele, auf der Wechselwirkung zwischen beiden beruhend.Sie gehen nicht aus von der Seele, wie die ältere Philosophie ge-meint, sondern sie sind ursprünglich Affectionen des Körpers, welchedurch die Lebensgeister auf die Seele sich fortpflanzen. Diese ver-hält sich daher ihnen gegenüber passiv, weshalb sie als Leiden-schaften (passions de l’äme) bezeichnet werden. Das klare Er-kennen wird durch sie getrübt, so dass wir begehren was nichtbegehrenswerth ist*).
So gewinnt Descartes für die Wechselbegriffe des Sittlichenund des Unsittlichen eine doppelte Passung, eine intellectuale undeine emotionale. Auf der einen Seite fällt das Sittliche mit dem klarenErkennen, auf der andern mit der Herrschaft des Willens über dieAffecte zusammen; ebenso das Unsittliche mit dem unklaren Er-kennen und mit der Unterjochung des Willens durch die Affecte.Die Vermittlung beider Auffassungen liegt aber darin, dass aus denAffecten jede Trübung des Erkennens entspringt. Da nun die Ent-stehung der Affecte in der natürlichen Verbindung von Seele undKörper begründet ist, so kann jene Herrschaft des Willens nicht
*) Les passions de l’äme, besonders pari; I et II. Vgl. auch Discours dela methode, III, IV.