Die Ethik des französischen Materialismus.
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Glaubens bildete dann die Annahme, dass Erziehung, Unterricht undGesetzgebung einen allmächtigen Einfluss auf den Menschen aus-übten. Je mehr man geneigt war, alle socialen Schäden auf dieMissstände der bestehenden Einrichtungen zurückzuführen, um somehr meinte man von deren Reform das Heil der Zukunft er-warten zu dürfen. Bei Helvetius wie in Holbach’s „System derNatur“ begegnet man daher der bestimmten Voraussetzung, weiseGesetzgeber seien im Stande, den natürlichen Egoismus des Menschenso zu erziehen und zu lenken, dass er nur noch zum Heil der Mit-menschen ausschlagen und mithelfen werde, die allgemeine Glück-seligkeit zu fördern. Wie aber jene weisen Gesetzgeber dies an-fangen, ja wie solche unter den bestehenden Bedingungen überhauptentstehen können, und aus welchen Gründen sie ihren natürlichenEgoismus im Interesse des Gemeinwesens unterdrücken sollen, darüberfehlt es an Aufschluss.
So wichtig demnach die Ethik der französischen Aufklärungals culturhistorische Erscheinung ist, für die Lösung der ethi-schen Probleme selbst hat sie nichts geleistet; und das nämlichemuss auch von den Gegnern gesagt werden, die sie in der gleich-zeitigen französischen Literatur gefunden. So sehr unter ihnennamentlich Rousseau den egoistischen und religionslosen Stand-punkt der materialistischen Ethik mit eindringender Beredsamkeitbekämpft, so sind doch seine Anschauungen nicht weniger wie dieseiner Gegner ein blosser Nachklang der voran gegangenen englischenMoralphilosophie. Wie jene die Verstandesmoral der Engländer über-treibend und einseitig sich zu eigen machen, so Rousseau die eng-lische Gefühlsmoral. Mit dieser entspringt ihm das Sittliche nichtaus selbstsüchtiger Ueberlegung, sondern es ist ihm das natürlicheProduct eines von den Schäden der Cultur noch unberührten Ge-fühls. Von einer psychologischen Analyse dieses Gefühls, dessenBegriff ihm bald mit dem des Gewissens bald mit dem der Ver-nunft zusammenfliesst, ist bei Rousseau keine Rede. Wohl aberwiederholt sich der Gegensatz der verwandten englischen Rich-tungen ebenfalls in übertreibender Weise darin, dass, während Hel-vetius und seine Genossen zur Herbeiführung eines glücklicherenZustandes vor allem Aufklärung der Menschen über ihre wahren-Interessen und zu diesem Zweck die Verbreitung einer aufgeklärtenPhilosophie verlangen, Rousseau dagegen alle Cultur und Wissen-schaft als verderblich verwirft und Rückkehr zu einem ursprünglichenidealen Naturzustand fordert. Doch da auch der Materialismus die