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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die neuere Ethik.

richtet sich nicht bloss gegen die Last verkehrter socialer Institutionen,sondern auch gegen das Joch der Vorurtheile und des Aberglaubens,unter welchem nach ihnen die Menschheit schmachtet. Sie entwerfendas ideale Bild einer Herrschaft der Vernunft, unter welcher Jedennur noch die edelsten Motive gegen seine Mitmenschen beseelen, undwelche an Stelle der bestehenden Ungerechtigkeit und Ungleichheitallgemeine Gleichheit und Brüderlichkeit, an die Stelle des Zwangsund des socialen Unglücks allgemeine Freiheit und Glückseligkeitsetzen werde.

Zu diesem idealen Zustande stehen aber die Mittel, durch diesie denselben herbeiführen möchten, in einem seltsamen Contraste.Alle Aufopferung für Andere und alle socialen Tugenden meinen siedirect aus der Selbstliebe ableiten zu können. Aufklärung derMenschen über ihren eigenen Nutzen erscheint ihnen daher als dasbeste Hülfsmittel, um jenen Zustand allgemeiner Glückseligkeit herbei-zuführen. Dabei leugnet namentlich Helvetius keineswegs, dass derMensch dazu gelangen könne, das allgemeine Wohl über sein per-sönliches zu stellen; ja er hält es geradezu für seinen Idealzustandder Gesellschaft erforderlich, dass möglichst Viele zu uninteressirtenHandlungen befähigt werden. Aber er ist der Meinung, dass sicheine derartige Gesinnung aus dem ursprünglichen Egoismus durchdie verwickelten Einflüsse des Lebens, namentlich der Erziehung,der Gesetzgebung und persönlichen Lebenerfahrung hervorbilden müsse.Eine psychologische Erklärung, wie dies möglich sei, hat er freilichnicht gegeben; in dieser Beziehung ist seine Theorie mangelhafterals diejenige Mandevilles, der einfach Eitelkeit und Ruhmsucht alsdie Beweggründe alles selbstlosen Handelns bezeichnet, damit aberallerdings das letztere in einen blossen Schein verwandelt hatte.Helvetius erkennt den positiven Werth selbstloser Handlungen allzu-sehr an, als dass er hierin seinem Vorgänger zu folgen vermöchte.Aber sein praktischer Idealismus kommt dadurch in Zwiespalt mitseinem theoretischen Hedonismus und Egoismus.

Wie hierin, so bleibt er überhaupt in der psychologischen Be-gründung seiner Lehre weit zurück hinter seinen englischen Vor-gängern. Die Forderung der Gleichheit aller Menschen, die zu jenemBild einer idealen Zukunft gehörte, das sie sich ausmalten, hattesich bei den meisten dieser Schriftsteller, und so auch bei Helvetius,in die Fiction eines absolut gleichen Anfangszustandes aller Menschen,d. h. einer völligen Gleichheit ihrer Anlagen und ursprünglichenCharaktereigenschaften umgewandelt. Die Kehrseite eines solchen