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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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328 Die neuere Ethik.

klang in ihrer eigenen und der unmittelbar folgenden Zeit nichtfand, sondern dass hier die von Shaftesbury mit so gewichtigenGründen bekämpfte Verstandesmoral die Herrschaft behauptete.

Den wesentlichsten Antheil an diesem Erfolg hat jedenfalls dastheologische Interesse, und dem entsprechend ist die nun zur Geltungkommende Richtung der Verstandesmoral zugleich theologischeUtilitätsmoral. Diese Anschauung, die von Locke bis auf unsereTage in England zahlreiche Anhänger zählt und gegen Ende des18. Jahrhunderts in Paleys Moralphilosophie ihre beste Darstellunggefunden hat, beurtheilt das Sittliche vom, Gesichtspunkte eineregoistischen und nüchternen Nützlichkeitslehre aus*). Zwar bestehtnach ihr der äussere Charakter der moralischen Handlung darin,dass sie nicht auf das eigene irdische Wohl, sondern auf das derMitmenschen gerichtet ist. Aber ihre inneren Motive sind einer-seits der Wille Gottes, welcher diese Art der Handlungen vor-geschrieben hat, und anderseits das Streben die ewige Seligkeit zuerwerben, welche als Belohnung denjenigen versprochen ist, die demWillen Gottes gehorsam sind. So wird hier das Sittengesetz zueinem äusseren Gebot, welches weniger durch seinen eigenen Inhaltverpflichtet als durch die Art, wie es von Gott gegeben ist und auf-recht erhalten wird. Die Erfüllung der Pflicht aber ist vor allemein Act der Klugheit, da jeder Einsichtige die dauernden Güter denvergänglichen vorziehen muss. Dass das Sittengesetz durch sichselbst oder durch moralische Gefühle im Stande sei, sittliche Hand-lungen hervorzubringen, stellen diese Moralphilosophen zumeist inAbrede. Der Mensch ist ihnen zwar nicht wie einem Augustinusund den ihm folgenden christlichen Ethikern von Natur böse, aberer ist von Natur egoistisch und kann daher nur durch ein Systemvon jenseitigen Belohnungen und Strafen, wie sie das Evangeliumin Aussicht stellt, zu einem sittlichen Leben veranlasst werden.

Es ist bezeichnend, dass in dieser theologischen Utilitätsmoraldie nämliche Grundanschauung über die Motive des menschlichenHandelns herrscht, wie sie um dieselbe Zeit der Vorkämpfer desethischen Materialismus, Mandeville, in seiner berühmten Bienen-

*) WilliamPaley, Principles of moral and political philosophy. London1785. Deutsch von Garve, 1788. Im Gebiet der praktischen Moral, die füruns hier ausser Rücksicht bleibt, enthält übrigens Paleys Werk viele vortreff-liche Bemerkungen.