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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die neuere Ethik.

Uebereinstimmung mit der natürlichen Sittlichkeit. Wenn wir aneinen Gott glauben, so legen wir damit den Prädicaten Gut undGerecht eine wahrhafte Existenz bei; darum können wir unmöglichdiese Prädicate selbst wieder aus dem Willen Gottes ableiten. Istauf diese Weise Shaftesbury eifrig bemüht, die Ethik aus den Bandender Theologie zu befreien, so ist er aber darum weit entfernt, denethischen Werth der Religion gering zu achten. Er nimmt hier denBaconischen Standpunkt ein: die wahre Religiosität, d. h. der Glaubean eine Gottheit welche selbst ein Vorbild sittlicher Vollkommenheitist, fördert die Sittlichkeit, indem sie uns antreibt, diesem Vorbildenachzustreben. Dagegen sind der Aberglaube und der religiöseFanatismus schlimmere Feinde derselben als der Atheismus: dieserverhält sich wenigstens indifferent, jene aber zerstören das natürlicheGefühl von Recht und Unrecht und erzeugen unsittliche Neigungen*).

In diesen Folgerungen tritt der Unterschied Shaftesburys vonLocke und den Intellectualisten am schärfsten hervor. Eine innereIdentität des Sittlichen und des wahrhaft Religiösen hatten auchdiese gelehrt. Aber das religiöse Gebot galt ihnen als coordinirtdem natürlichen Sittengesetz; selbst Locke hatte zugestanden, dassdas letztere durch das erstere seine stärkste Bekräftigung empfange.Shaftesbury vollendet die Trennung, indem er das Abhängigkeits-verhältniss umkehrt: das Sittengesetz hat sich nicht durch seinenreligiösen Ursprung, sondern das religiöse Gebot hat sich durchseinen sittlichen Inhalt als wahr zu legitimiren. Viel bedeutsamernoch ist aber der Schritt, den er in der psychologischen Moti-virung des Sittlichen thut, indem er hier mit dem Standpunkte derReflexion und der Nützlichkeitserwägungen, den seine sämmtlichenVorgänger einnehmen, vollständig bricht. Das Urtheil über Gut undBöse geht der Vorstellung des Guten und Bösen nicht voran, sondernfolgt ihr nach. Ist auf diese Weise das natürliche Sittengesetz vorjeder Reflexion in uns wirksam, so kann aber sein Inhalt nur ineinem Affeet oder in einem Verhältnis von Affecten bestehen; undda sich alles sittliche Handeln theils auf uns selbst, theils auf unsereMitmenschen bezieht, so bietet sich unmittelbar die Harmonie zwischenden egoistischen und den socialen Affecten als dieses Verhältnis dar.Ist so psychologisch das Sittliche von der Reflexion unabhängig ge-macht, so kann nun aber endlich der Zweck desselben nicht mehrin der Aussicht auf Belohnungen und Bestrafungen, weder in diesem

) Ueber die Tugend, Buch I, Thl.