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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Shaftesbury und die englische Verstandesmoral.

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in dem Fehlen derjenigen, die weder für das eigenenoch für das Gemeinwohl dienlich sind*).

Damit kehrt Shaftesbury zu dem Grundgedanken der Aristote-lischen Ethik zurück: das Sittliche ist ihm das Massvolle, Har-monische; aber die Art der Massbestimmung ist bei ihm eine andere:nicht allgemein in der richtigen Mitte zwischen entgegengesetztenEigenschaften, sondern in der richtigen Mitte zwischen den auf dasGemeinwohl und den auf das eigene Wohl gerichteten Neigungenbesteht ihm die Tugend. Indem er den socialen Neigungen diegleiche Ursprünglichkeit einräumt wie den egoistischen, knüpft eran Cumberland an und setzt sich in den bestimmtesten Gegensatzzu Hobbes, aber auch zu Locke. Insbesondere jenem gegenüberbringt er eine optimistische Auffassung der menschlichen Natur zurGeltung. Der Mensch ist ursprünglich nicht wild und feindselig ge-sinnt gegen Seinesgleichen, sondern friedlich und wohlwollend; aberfreilich liegt, wie er zugesteht, dieser Kern der Menschenliebe nichtunmittelbar offen zu Tage, sondern er bedarf der Entwicklung undist der Vervollkommnung fähig**). Und dies eben leistet die sitt-liche Erziehung, dass sie uns über unser eigenes Wesen zu innererKlarheit verhilft. In diesem Sinne ist das Sittliche, so sehr es inder Natur begründet ist, doch eine Kunst, und es wird dadurch nochverwandter dem Schönen, dem es ohnehin schon durch den Begriffdes Masses und der Harmonie, dem beide sich unterordnen, nahegerückt ist. Auch darin ist aber das Sittliche dem Schönen ver-wandt, dass es unmittelbar und durch sich selbst Befriedigung er-weckt. Die Glückseligkeit ist darum ein Bestandtheil der Sittlichkeit,nicht erst eine Folge derselben. Noch Locke hatte der Belohnungenund Bestrafungen, die an die Befolgung und Nichtbefolgung desSittengesetzes gebunden sind, nicht entbehren können. Gegen dieseAuffassung wendet sich Shaftesbury auf das Entschiedenste: dieSittlichkeit trägt ihren Lohn in sich selber; sie ist mit der höchsteninneren Befriedigung verbunden und bedarf daher nicht einer äusserenRichtschnur, an der sie gemessen wird, sondern sie selbst dient alsMassstab für den Werth aller Leistungen.

Hiermit verändert sich zugleich völlig das Verhältniss des Sitt-lichen zum Religiösen. Dieses empfiehlt sich nur durch seine

*) An inquiry cone. virtue and merit. Deutsche Uebersetzung in desGrafen v. Shaftesbury Werken, Bd. 2, Buch II. Vgl. auch v. Gizycki,Die Philosophie Shaftesburys, Leipzig und Heidelberg 1876, S. 73 ff.

**) Die Moralisten, eine philosophische Rhapsodie. A. a. 0. Thl. II, Abschn. 4.