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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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John Locke und der Intellektualismus der Theologen von Cambridge. 323

von ihm festgehaltenen Auffassung, dass alle sittlichen Werth-ur theile.Resultate vernünftiger Einsicht und verstän-diger Ueberlegung sind.

In dieser Auffassung schliesst sich an Locke eine Richtung an,die man füglich als die der jüngeren Intellectualisten be-zeichnen kann. Von den älteren trennt sie ihr dem Empirismuszugeneigter Standpunkt; von Locke scheidet sie die diesem^ eigenesubjectivistische Auffassung des Sittlichen und seine damit zusammen-hängende rein formalistische Begründung der Allgemeingültigkeitdesselben, welcher gegenüber sie eine objective Realität desSittengesetzes nachzuweisen suchen, womit seine allgemein verpflich-tende Kraft von selbst gegeben sei. Die Hauptvertreter dieses öbjec-tiven Intellectualismus sind William Wollaston und SamuelClarke*). Die sittlichen Normen besitzen nach ihnen eine objec-tive Realität, die, wie Clarke behauptet, derjenigen der mathematischenund physikalischen Gesetze ebenbürtig ist, so dass eine Rechtsver-letzung auf sittlichem Gebiete das nämliche sei wie eine den Natur-gesetzen widerstreitende Veränderung der Eigenschaften der Körperauf natürlichem. Wie das Wahre in der Uebereinstimmung unsererVorstellungen mit der Natur der Dinge bestehe, so das Gute in derUebereinstimmung unserer Handlungen mit den Dingen. So unab-hängig von Willkür und subjektiver Satzung denken sich diese Philo-sophen das Sittliche, dass sie, nachdem Gott die Dinge geschaffenso wie sie sind, nicht einmal mehr eine willkürliche Veränderungderselben durch Gott selbst für möglich halten. Jedem Ding istvon ihm unabänderlich seine Bestimmung angewiesen; es nach dieserBestimmung behandeln ist nach Wollaston gleichzeitig sittlich undgehorsam gegen Gott handeln. Wie Gott der Natur ihre unab-änderlichen Gesetze gegeben, die er niemals verletzt, so hat er nachClarke auch allen Dingen eine bestimmte Angemessenheit zu einandergegeben, in welcher ihre sittliche Natur besteht.

In diesen Ausführungen wird der Intellectualismus dermassenauf die Spitze getrieben, dass der specifische Inhalt des Sittlichenvöllig zum Verschwinden kommt. Bei Wollaston rückt das sittlicheVergehen auf gleiche Linie mit dem intellectuellen Irrthum; bei

*) Wollaston, The religion of nature delineated, 6. edition. London 1738.Die Hauptstellen hieraus bei E r d m a n n, Geschichte der neueren Philosophie,Bd. II, 1. Abth., Beil. S. XLI1J ff. Clarke, A discourse of the being and attri-butes of God etc. Deutsche Uebersetzung. Braunsckweig und Hildesheim 1756,2. Abhandlung. S. 187 ff.