Druckschrift 
Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
Entstehung
Seite
322
Einzelbild herunterladen
 

322

Die neuere Ethik.

seitigt. Die Suprematie aber in diesem Triumvirat der Sittengesetzekommt weder dem politischen zu, wie bei Hobbes, noch dem reli-giösen, wie bei den Intellectualisten, sondern dem natürlichenauf der Grundlage der allgemeinen Lust- und Schmerz-empfindungen und des Reflexionsvermögens empirischentstandenen Sittengebot. Es ist dem durch Offenbarungvermittelten religiösen Gesetz überlegen; denn während es den näm-lichen Inhalt hat, ist es das allgemeinere, jedem Menschen zugäng-liche. Es ist dem bürgerlichen Gesetz und dem Gesetz der öffent-lichen Meinung überlegen; denn diese beruhen auf der nämlichenlux naturalis, sie sind also nur Bethätigungen und Anwendungendes natürlichen Sittengesetzes; sie sind aber allerdings hierinbleibt Locke dem formalen Standpunkte von Hobbes getreu die-jenigen Bethätigungen, welche im praktischen Leben immer erstentscheiden können, was sittlich sei und was nicht*).

So kehrt in seiner Auffassung der Motive wie der Zwecke desSittlichen Locke im wesentlichen zu den Anschauungen von Hobbeszurück. Motiv der Sittlichkeit bleibt ihm die Selbstliebe, Zweck der-selben das Gesammtwohl, das sich ihm ebenfalls aus dem Wohlaller Einzelnen zusammensetzt. Doch vermeidet er die metaphysischeHypothese eines der Gesellschaft vorausgehenden Anfangszustandesund nimmt vielmehr stillschweigend an, dass die nämlichen psycho-logischen Motive den Menschen immer bestimmt haben und darumwohl auch immer von den nämlichen Wirkungen gefolgt sind.Unter diesen Motiven treten die affectiven in der Betonung vonLust und Schmerz als den eigentlichen Quellen unserer Handlungenetwas mehr hervor. Aber das Intellectuelle spielt doch noch diedominirende Rolle. Hur darum bekämpft Locke die Annahme einesursprünglichen Wohlwollens, weil alles was dieses leisten könntenach ihm die Reflexion leistet. Lust und Schmerz bilden daherauch nicht eigentlich Motive des sittlichen Handelns wie in demantiken Hedonismus, sondern nur die Grundbedingungen desselben,während die Entscheidung über den Inhalt der Handlung immervon der Reflexion ausgeht. In dieser Beziehung vergleicht Lockesogar noch die Anwendung der sittlichen Gesetze auf einzelne Eällemit der Anwendung mathematischer Axiome. Hat er auch hierzunächst die praktische Sittenlehre im Auge, so stehen doch dieseAusführungen offenbar im innigsten Zusammenhang mit der auch

*) Ebend. B. JI, chap. 20, § 2 und 28, $ .5.