John Locke und der Intellectuaiisinus der Schule von Cambridge. 319
digen zuwende. Bezieht sich auf diese Weise der Inhalt des Sitten-gesetzes, unter völliger Umkehrung der Hobbes’schen Anschauung,direct nur auf das Gesammtwohl und erst indirect, insofern wirnämlich einsehen dass von dem Gesammtwohl unser eigenes Wohlabhängt, auf das Einzelwohl, so kann nun auch Hobbes’ Lehre voneinem Anfangszustand des Kampfes, da sie den Egoismus als einzigeTriebfeder annimmt, nicht mehr bestehen bleiben. Der Kampf istüberall ein erst Entstandenes; der natürliche Anfangszustand ist derFriede, und die überwiegenden Motive treiben den Menschen dazuden Frieden zu bewahren und den Krieg zu scheuen, da jener mitden angenehmen Gefühlen des Wohlwollens, dieser mit den unan-genehmen des Neides und Hasses verbunden ist. Nur unter dieserVoraussetzung kann ferner das natürliche Sittengesetz zugleich alsder Ausfluss des göttlichen Gebotes angesehen werden. Denn indemGott uns zu erkennen geben wollte, dass wir verpflichtet seien fürdas allgemeine Beste zu wirken, konnte er dem Menschen nichtFeindschaft sondern nur Wohlwollen und Vertrauen gegenüber seinenMitmenschen als angeborene Eigenschaften in das Leben mitgeben.So kommt hier gegenüber Hobbes und den Intellectualisten derAffect, wenn auch noch nicht in bewusstem Gegensätze gegen dieReflexion, zu stärkerer Geltung. Der vernünftigen Einsicht dagegenbleibt für die Wahl der einzelnen Mittel und die Ausführung dereinzelnen Handlungen ihr Recht gewahrt. Darum ist die Seele■weder eine tabula rasa, welche erst durch Sinneswahrnehmung undReflexion in den Besitz bestimmter Ideen gelangt, noch trägt siediese als fertige Abbilder in sich, sondern sie besitzt mit der Ver-nunft zugleich in latenter Weise das Sittengesetz, welches dann aberdurch den Verkehr des Einzelnen mit seinen Mitmenschen zu deut-lichem Bewusstsein gelangt.
Wie diese Ausführungen vielfach zwischen den Anschauungenseiner sich bekämpfenden Vorgänger die Mitte halten, so schliessensie selbst hinwiederum die Keime zu den verschiedenen Richtungenin sich, die sich weiterhin innerhalb der englischen Ethik entwickelten.Indem Cumberland das natürliche Sittengesetz als die auf dem Wegenatürlicher Vernunftentwicklung zum Bewusstsein kommende StimmeGottes auffasst, die den Menschen darüber belehre, was ihm schäd-lich oder nützlich sei, ist er der Vorläufer der späteren theolo-gischen Utilitätsmoral. Indem er ferner das Wohlwollendem natürlichen Egoismus gegenüberstellt, eröffnet er die Richtungjener socialen Ethik, in der Locke sein nächster Nachfolger ist