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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Der Verfall der Scholastik und die Ethik der Reformation.

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dass sie den Inhalt desselben für unbegreiflich erklärt. Indem sieaber auch die sittlichen Normen ganz und gar dem Offenbarungs-glauben zurechnet, muss der ethische Werth der religiösen Ueber-zeugung selbst ins Schwanken gerathen. Beruht das Sittengesetzauf einer willkürlichen und an sich zufälligen göttlichen Fügung, soist der unveränderliche Inhalt desselben völlig in Frage gestellt. DerIndeterminismus wandelt sich, auf den göttlichen Willen angewandt,in Indifferentismus um. Sobald nun die Stütze, die den sittlichenNormen im religiösen Bewusstsein geblieben war, wankend wurde und dazu lag in der Veräusserlichung des religiösen Lebens daswirksamste Motiv so konnte leicht jener Indififerentismus vomgöttlichen auch auf den menschlichen Willen übertragen und aufdiese Weise der Egoismus zur sittlichen Norm erhoben werden.

Indem die Reformation sich gegen die Missbräuche derKirche, gegen die Irrlehren einer die Glaubenslehren verfälschendenTradition und gegen die verstandesmässige Richtung der scholastischenPhilosophie wendet, sucht sie das Band zwischen Sittlichkeit undReligion wieder fester zu knüpfen. Sie erneuert gegenüber der ver-weltlichten Ethik der Thomistischen Schule und dem Indeterminismusund Indifferentismus der Nominalisten die Anschauungen der erstenchristlichen Jahrhunderte. Aber es verbindet sich damit zugleicheine höhere Werthschätzung der werkthätigen Sittlichkeit und derpraktischen Willensfreiheit. Durch ihren Kampf gegen den Glaubens-zwang der Kirche fördert sie endlich die Freiheit der wissenschaft-lichen Forschung, um im Verein mit der Wiederbelebung des klassi-schen Alterthums und mit dem Aufblühen der Naturwissenschafteneine völlige Umwälzung der Weltanschauungen herbeizuführen.

Eine eigenthümliche und selbständige wissenschaftliche Ethikhat die Reformation nicht hervorgebracht; ebenso wenig wie derHumanismus. Aber sie hat unendlich mehr als dies geleistet, indemsie durch eine gänzliche Umgestaltung der religiösen wie der sittlichenLebensauffassung der Ethik neue Bahnen anwies. Nicht in mönchi-scher Askese und weltflüchtiger Mystik, nicht im Glaubensgehorsamund in äusserer Werkheiligkeit erblickte Luther die Rechtfertigungdes Sünders, sondern in der Erneuerung des inneren Menschen. Nichtdie That als solche hat ihm daher sittlichen Werth, sondern die Ge-sinnung und Willensrichtung, aus der sie hervorgegangen. Darinaber liegt die befreiende und versöhnende Macht des Glaubens, dassder Mensch aus innerem Drang, nicht aus Gehorsam gegen das