Die christliche Ethik.
MOB
bei denen die sittliche Entscheidung zweifelhaft sein kann, mit dergrössten Ausführlichkeit und zumeist mit blossen Verstandesargumentenerörtert, verräth sie zugleich einen oft erschreckenden Mangel anVerständniss für den sittlichen Werth des Berufs und der Verhältnissedes wirklichen Lebens, wie der Ehe — Dinge, für die es freilich inder beschaulichen Stille des mönchischen Lebens an der erforderlichenErfahrung fehlte. Auch liegt hier die Quelle jener an eine ca-suistische Behandlung ethischer Fragen so leicht sich anschliessenden„Probabilitätsmoral“, wie sie noch heute in den Moralcompendien derJesuiten zu finden ist.
4. Der Verfall der Scholastik und die Ethik der Reformation.
Um das Band völlig zu lösen, das Thomas und seine Anhängernoch an Augustin und die ältere Scholastik knüpfte, bedurfte es keinesallzu grossen Schrittes mehr. Dieser Schritt wird von den einemvölligen Indeterminismus sich zuwendenden nominalistischen Wider-sachern jenes grossen Kirchenlehrers gethan. Ihnen ist der Willeabsolut frei: die vernünftige Einsicht determinirt ihn nicht, denn derMensch kann durch irrige Vorstellungen geleitet werden; auch dergöttliche Wille determinirt ihn nicht, denn er kann das Böse wiedas Gute bevorzugen. Damit ist eine völlige Umkehrung der Augu-stinischen Anschauungen eingetreten. Nicht die Gnade, sondern daseigene Verdienst erwirkt die Glückseligkeit. Nicht in der religiösenHingabe des Gemüths, sondern in dem äusseren Gehorsam gegen dasreligiös-sittliche Gebot besteht das Verdienst. Erscheint in diesenLehren die christliche Ethik in der Auffassung des sittlichen Lebensbei dem äussersten Grad der Verweltlichung angelangt, so sucht sienun um so mehr nach der Seite des religiösen Gehorsams den dortverlorenen Boden wiederzugewinnen. Nicht wirksamer konnte diesgeschehen, als indem sie, wie schon Du 11s Scotus und noch ent-schiedener sein Nachfolger Wilhelm von Occam dies that, denIndeterminismus vom menschlichen Willen auf den göttlichen über-trug. Gott fordert Gehorsam gegen das Sittengebot nicht weil esgut, sondern weil es sein Gebot ist; und das Sittengebot selbst istnicht an sich gut, sondern weil es der Ausdruck des göttlichenWillens ist. Gott könnte auch das Gegentheil wollen, und auch dannwürde sein Wollen gut sein.
So mündet die christliche in eine skeptische Ethik, die abergerade dadurch eine neue Stütze für den Glauben zu gewinnen meint,