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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die scholastische Ethik.

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so vollständig in intellectuellen Erwägungen auf, dass sie eigentlichals Vernunftbethätigungen niedrigerer Ordnung erscheinen.

Die beherrschende Stellung, welche dieser IntellectualismusJahrhunderte hindurch in der scholastischen Ethik einnimmt, weistauf die tiefere Beziehung hin, in der er zu den religiösen und sitt-lichen Grundlagen der Weltanschauung des Zeitalters steht. In derThat sind ja die dogmatischen Beweise eines Anselmus von Canter-bury bereits von dem Streben erfüllt, die Innigkeit des religiösenGefühls durch die Klarheit der logischen Evidenz zu ersetzen. ZweiBedingungen sind es aber wohl vornehmlich gewesen, die der reli-giösen und sittlichen Weltanschauung dieses Gepräge verliehen haben.Die erste lag in der Veräusserlichung des religiösen Lebens. Je mehrdas letztere in Ceremoniendienst und Glaubensgehorsam aufging, umso mehr musste die von der Freiheit der persönlichen Ueberzeugunguntrennbare Energie des sittlichen Willens hinter der Werthschätzungdes theoretischen Glaubens und Erkennens zurücktreten. So ist dersittliche Mangel dieser Ethik die unvermeidliche Kehrseite ihrerreligiösen Gebundenheit. Für die wissenschaftliche Gestaltung derscholastischen Sittenlehre lag sodann ein weiteres Motiv einer intellec-tualistischen Grundanschauung in der Lebensstellung ihrer Urheber.Aus der Stille der Mönchszelle konnte nur eine Ethik hervorgehen,in der sich die sittliche Handlung in dem Medium der Contemplationund Reflexion auflöste. Da aber das mönchische Leben für ein be-sonders geheiligtes galt, so waren diese Ethiker gerechtfertigt, wennsie ihr eigenes Lebensideal zum sittlichen Menschheitsideal erhoben.Darum liegt der Intellectualismus ebenso tief begründet in der christ-lichen Glaubensanschauung des Katholicismus, wie das Lebensprincipdes Protestantismus, trotz mancher Rückfälle, die bis auf den heutigenTag nicht fehlen, eine Ethik des Willens und der persönlichen Frei-heit ist.

Jene Gebundenheit und Einseitigkeit macht es aber auch be-greiflich, dass die Ethik dasjenige Gebiet ist, auf welchem die scho-lastische Wissenschaft am wenigsten originale Leistungen aufzuweisenhat. Christliche Anschauungen und antike Tugendlehre sind äusser-lich an einander gekettet, und die Sorgfalt, mit der einzelne Beispieledes sittlichen Lebens erörtert werden, lässt den Mangel an inneremZusammenhang um so mehr hervortreten. So ist überhaupt diescholastische Ethik in dem einen stark, was da sich einzustellenpflegt, wo es an wirklich grossen und schöpferischen Anschauungenfehlt: in der Casuistik. Indem sie einzelne Fälle, besonders solche,