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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die christliche Ethik.

er führt sie auf die vier Platonischen Cardinaltugenden, die Weislieit,die Tapferkeit, die Besonnenheit und die Gerechtigkeit zurück, liebersie stellt er nach Pauliuischer Lehre die drei übernatürlichenoder theologischen Tugenden: Glaube, Liebe und Hoffnung. Dieersteren sind erworben, die letzteren unmittelbar von Gott der Seele mit-getheilt. Diesem verschiedenen Ursprung gemäss führen jene zur natür-lichen, diese zur übernatürlichen Glückseligkeit. Eine Art Verbindungzwischen beiden sucht er übrigens herzustellen, indem er zugesteht,dass wir in Folge des Sündenfalls sogar zur Erlangung der natürlichenTugenden der Beihülfe Gottes bedürften. Auf diese Weise ist Gottunmittelbar die Quelle der theologischen, mittelbar die der irdischenTugenden. Ganz dieser zwiespältigen Fassung des Tugendbegriffsentspricht die Willenstheorie des Aquinaten. Der Wille ist frei,insofern er keiner Nothwendigkeit im Sinne eines äusseren Zwangsunterliegt; doch wird er bestimmt durch unsere vernünftige Einsicht,die zwischen verschiedenen Gütern dasjenige wählt, das ihr als dasbeste erscheint; und um bei dieser Wahl das wahrhaft Gute zutreffen, bedürfen wir der göttlichen Hülfe. Thomas ist also ge-mässigter Determinist, und in seinem Determinismus bleibt sogarnoch ein Schatten Augustinischer Prädestinationslehre. Aber indemdie göttliche Gnade, die bei Augustinus Alles, und gegenüber derdas menschliche Wollen Nichts ist, bei Thomas zu einer blossenBeihülfe des Willens wird, hat sich doch ein gewaltiger Wandelder Anschauungen vollzogen. Die göttliche Gnade soll durch dasVerdienst eigener Werke errungen werden, und neben der ewigen wirdder irdischen Glückseligkeit ein gewisser Werth eingeräumt.

Der intellectualistische Charakter der Psychologie und Ethikdes scholastischen Systems tritt in dieser Willenslehre des Aquinatenklar zu Tage. Ueberall ist der Wille nur der Vollbringer dessen, wasdie Intelligenz erwogen und beschlossen hat. Besonders bezeichnendfür diese Auffassung ist der Begriff des Gewissens. Dieses ist,wie Thomas im Einverständnis fast mit der ganzen Scholastik lehrt,ein Denken und Ueberlegen, welches über den Unterschied von Gutund Böse entscheidet, eine Art von folgerndem Wissen, das, wieüberall das vernünftige Denken, aus bestimmten Prämissen und einerdaran geknüpften Conclusio, der Gewissensentscheidung, besteht. Sowerden in dieser Gewissenstheorie Fühlen und Wollen im Grundeeliminirt. Dem letzteren bleibt nur die Bestimmung, die Ent-scheidungen des Gewissens auszuführen. Wird auch daneben denAffecten ihr Einfluss eingeräumt, so geht doch deren Schilderung