Die scholastische Ethik.
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des Christenthums führen musste, zu der freilich in so manchendogmenbildenden Aussprüchen des Heidenapostels Paulus bereits derKeim gelegt war. Wenn sich dieser Keim jetzt zu üppiger Blütlieentfaltete , so lag aber der tiefere Grund dazu in der unaufhaltsamfortschreitenden Verweltlichung der Kirche, zu der das scholastischeSystem überall die theoretische Ergänzung bildet.
So wird von dem hervorragendsten Denker des elften Jahr-hunderts, von Anselmus von Canterbury, das Erlöserdogmadieser Kernpunkt der christlichen Vergeltungslehre, auf eine ArtJus talionis, auf eine Abwägung zwischen Schuld und Sühne zurück-geführt. Der Mensch ist gefallen, und diese Schuld muss gesühnt werden.Aber der Mensch selbst mit seinen beschränkten Fähigkeiten ist nichtim Stande eine unendliche Schuld zu sühnen; darum hat Gott seineneigenen Sohn hingegeben, um die Schuld der Welt auf sich zu nehmen.Nun erst hält der unendlichen Schuld eine Handlung von unendlichemWerthe das Gleichgewicht. Dass diese Handlung ein Vorgang ist,der sich ganz ausserhalb des religiös-sittlichen Bewusstseins ereignet,und der also zu einem etwaigen Wandel der Gesinnung des Schuldigennicht die mindeste Beziehung bietet, bleibt hier völlig unbeachtet.Wohl aber lässt es diese äusserliche Auffassung nunmehr begreiflicherscheinen, dass auch die Wohlthat, die der Menschheit durch dieErlösung zu Theil wird, auf den gläubigen Theil derselben beschränktbleibt. Zu dem gnadevermittelnden Verdienst Christi, dessen derEinzelne ohne eigenes Zuthun theilhaftig wird, muss daher allerdingsnoch ein subjectives Verdienst hinzutreten, aber weniger das der sitt-lichen Gesinnung und Handlung, als das des Glaubens an die Gnadeund an die Gnadenmittel der Kirche. Von hier aus war der Wegnicht mehr weit zu der allmählich um sich greifenden Lehre, dassin dem Werk Christi und der Heiligen ein Ueberschuss recht-fertigender Thaten angesammelt sei, über den nun die Kirche zuGunsten des einzelnen Sünders nach dem Mass seiner Reue und Busseoder auch nach dem Mass seiner kirchlichen Leistungen verfügenkönne.
An Widerständen gegen diese tief unsittliche Richtung derkirchlichen Ethik hat es von frühe an nicht gefehlt. Im allgemeinenlehnen sich solche Bestrebungen an die heterodoxen Lehren derpatristischen Zeit an. Insbesondere berühren sie sich mit dem Ver-such des Pelagius und seiner Anhänger, dem freien Willen und dervon ihm getragenen sittlichen Selbstbestimmung ihren ethischen Werthzu verleihen. In diesem Sinne betont besonders Abälard schon im