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Die christliche Ethik.
horsam gegen die Kirche als das sichtbar gewordene Reich Gottesgelten nun als die Merkmale eines frommen Lebens.
Vor Andern hat Augustin durch seine Gegenüberstellung desweltlichen Staates und des Gottesstaates, von denen jener teuflischen,dieser himmlischen Ursprungs, jener zum Untergang, dieser zumendlichen Siege über die sündige Welt bestimmt sei, zur Befestigungdieser Anschauung beigetragen. Auch hier greift aber der Pelagia-nische Streit bedeutsam in die Entwicklung des kirchlichen Lehr-systems ein. Indem Pelagius für die Freiheit des Willens kämpft,will er vor Allem dem einzelnen Menschen eine selbständige Mit-wirkung an dem Heil seiner Seele sichern: bleibt auch die Gnadeein freies Geschenk Gottes, so kann sie doch durch eigene Werkeerrungen werden. In diesem Sinne ist der Pelagianismus zugleichder Vertreter einer nüchterneren Auffassung, die den mystischen Inhaltder Glaubenslehren durch eine verstandesmässige, der Beurtheilungirdischer Dinge entnommene Betrachtung begreiflicher zu machenstrebt. Er bildet so ein Glied in der Kette jener fortwährend auf-tretenden Rationalisirungsversuche des Dogmas, welche, mit denheterodoxen Secten der ersten Jahrhunderte beginnend, schliesslichin die scholastische Philosophie ausmünden. Die Vorbereitung zudiesem Uebergang geschieht, indem in den Jahrhunderten nachAugustin mehr und mehr eine „semipelagianische“ Richtung in denVordergrund tritt, welche gerade durch die Verbindung heterogenerElemente verschiedener Systeme dem hierarchischen Bedürf'niss ent-gegen kommt. Indem man mit der Kirchenverherrlichung Augustinsdie Lehre von der Verdienstlichkeit der guten Werke verband, wurdeder Grund gelegt zu einer Veräusserlichung der religiösen und sitt-lichen Anschauungen, welche mit der wachsenden Verweltlichung derKirche selbst Hand in Hand ging.
3. Die scholastische Ethik.
Die Umwandlung der Glaubenssätze in Vernunftwahrheiten istdas herrschende Ziel der Scholastik in der Zeit ihrer Bltithe. Sofruchtbar sie dadurch der metaphysischen Speculation neuerer Zeitenvorgearbeitet hat, so verhängnissvoll ist diese Tendenz für die Ethikgeworden, wo das Streben nach logischer Klarheit mit innerer Noth-wendigkeit zu einer Bevorzugung jener äusserlichen, nicht sowohlethischen als juristischen Auffassung der sittlichen Grundanschauungen