Das Augustinische System und der Pelagianische Streit.
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Sündenfal], durcli den Hochmuth der von Gott abgefallenen Engelund Menschen in die Welt gekommen; es ist — darin klingt beidem in antiker Wissenschaft geschulten christlichen Denker die Pla-tonische Lehre an — nicht selbst eine Substanz, sondern bloss eineEigenschaft, ein Mangel der dem Guten anhaftet, und der, indemer durch die Sühne getilgt wird, eben dadurch die GerechtigkeitGottes an den Tag bringt. Gott hat das Böse zugelassen, damitdas Gute selbst dadurch gewinne; denn „contrariorum oppositionesaeculi pulehritudo componitur“ — ein Gedanke, dessen Nach-wirkungen bis in unsere Tage herabreichen.
In gleichem Sinne vertheidigt Augustinus gegen Pelagiusund seine Anhänger die Prädestination des Willens. Nicht der freieWille des Menschen kann, wie die Pelagianer behaupten, das Guteerringen; nur durch die Gnade Gottes, die auch den Willen lenkt,kann uns, nachdem einmal durch den Sündenfall die Schuld in dieWelt gekommen, das Gute zu Theil werden. Es ist nicht bloss diedüstere Weltanschauung der Zeit, die pessimistische Ueberzeugungvon der Verdorbenheit der menschlichen Natur, von der diese Prä-destinationslehre Augustins beherrscht wird, sondern es ist auch einecht religiöser Zug, der sie durchdringt. Gibt sie doch der Ueber-zeugung, dass das menschliche Schicksal in Gottes Hand liege, einenenergischen Ausdruck. Einem tieferen religiösen Gefühl widerstrebtüberall der Indeterminismus.
Dennoch ist es diese Seite der Augustinischen Lehre, die mitder später eingetretenen Verweltlichung der christlichen Ethik innaher Beziehung steht. Wenn der Wille des Menschen nicht dieMacht hat sich den Himmel zu verdienen, so ist damit auch diewirkliche Sittlichkeit in Gefahr ihren Werth einzubüssen. Was isteine einzige gute oder schlechte Handlung anderes als ein Tropfengegenüber dem Meer der Sünde, in das durch den Abfall von Gottund durch die fortwirkende Erbsünde die Menschheit versunkenist? Eine tlmtlose Resignation, zu der diese düstere Weltan-schauung herausfordert, ist der zum Handeln angelegten sittlichenNatur des Menschen allzu sehr entgegen, als dass sie auf die Dauerbestehen könnte. Je mehr demnach die werkthätige Sittlichkeit ver-hältnissmässig werthlos erscheint, um so mehr muss der nicht aus-zurottende Trieb, dennoch durch eigene Handlungen die bleibendeGlückseligkeit zu erringen, in die äussere Cultushandlung denSchwerpunkt des sittlich-religiösen Lebens verlegen. Das Gebet,der Gehorsam gegen die Cultusvorschriften und vor allem der Ge-