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Die christliche Ethik.
bundenheit. Das religiöse Bewusstsein in ihr ist gebunden andie von der Kirche recipirten philosophischen Lehrmeinungen, unddie philosophischen Lehren sind hinwiederum gebunden an denGlaubensinhalt der religiösen Ueberlieferung. Das so entstandenegemeinsame Erzeugniss religiösen Glaubens und philosophischerSpeculation ist das kirchliche Dogma, welches für die Problemewie für die Grundanschauungen der Ethik massgebend wird. Natürlichaber sind die so gezogenen Schranken minder fest bestimmte in denAnfängen der christlichen Philosophie, wo der Inhalt der Dogmenselbst noch im Werden begriffen ist. Hier sind daher die Lebens-anschauungen einzelner kirchlicher Philosophen selbst vom grösstenEinflüsse auf die Gestaltung des kirchlichen Lehrgebäudes*).
2 . Das Augustinische System und der Pelagianische Streit.
Unter den Lehrern der Kirche ragt an Bedeutung und nach-haltiger Wirkung auf dem Gebiete der Ethik vor allen Augustinushervor. An philosophischer Begabung hat er Seinesgleichen kaumin der christlichen Literatur. In der Erkenntnisslehre anticipirt erdie Grundgedanken von Descartes’ Meditationen; seine ethischen Er-örterungen enthalten eine Analyse des Willens, die, von dogmatischenAnklängen abgesehen, an eindringender Tiefe fast alles bis dahinGeleistete übertrifft.
Aber gerade bei diesem kühnen und gewaltigen Geiste übt nundie Gebundenheit der religiösen Ueberlieferung und Lebensanschauungum so empfindlicher ihre Rückwirkung. Da er nicht im Stande istdie widerstreitenden Elemente seines Glaubens begrifflich zu ver-einigen, so wirft er sich um so energischer auf die mystische Seite.Gegen die Manichäer, denen er sich früher selbst zugeneigt, und diedas Problem des Bösen durch den Dualismus eines guten und bösenUrwesens zu lösen suchten, hält er die Anschauung von der alleinigenUrsprünglichkeit des Guten aufrecht. Das Böse ist erst durch den
*) Die folgende Darstellung muss sich darauf beschränken die Haupt-momente der Entwicklung der christlichen Ethik hervorzuheben. EingehendereDarstellungen derselben findet man bei W. (lass, Geschichte der christlichenEthik, besonders Bd. 1, 1881, und in Theob. Zieglers gleichnamigem Werke,1886. Für die einschlagende Entwicklung des Dogmas vgl. Harnack, Lehr-buch der Dogmengeschichte. 2. Aufl. 1888—90.