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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die allgemeinen Grundlagen der christlichen Ethik. 299

christ, der nach der Lehre des Irenaus sogar dereinst wie ChristusMensch werden und auf Erden herrschen wird, bis Christus wieder-kommt, den Antichrist mit seinen Anhängern in den ewigen Feuer-pfuhl wirft und das tausendjährige Reich aufrichtet, auf welches danndas Reich des Vaters, die ewige Seligkeit, folgen soll. Von diesenVorstellungen blieb wenigstens die Verkörperung des Bösen im Satanals dem gefallenen Engel und damit die für die Ethik bedeutsameIdee bestehen, das Böse sei nicht ursprünglich, sondern mit demersten Sündenfall in die Welt gekommen. Trotz dieser besonderenVerkörperung behielt aber auch der Platonische Gedanke von derVerunreinigung des Geistigen durch die Materie seine fortwirkendeKraft. In der sinnlichen Natur des Menschen, in seinen sinnlichenTrieben, seinem Streben nach sinnlichen Gütern, ist nach der christ-lichen Vorstellung fortwährend der Böse wirksam. Die Abtödtungdes Fleisches gilt daher als ein wichtiges Förderungsmittel zur Er-langung der himmlischen Gnade. Erscheinen auch dieser asketischenAnschauung der weltliche Besitz, die Ehe, die öffentliche Thätigkeitnicht als sündhaft, so erblickt sie doch in der Enthaltsamkeit, welcheauf alle jene Güter Verzicht leistet, ein besonderes Verdienst. Geradediese einer allgemeinen Anwendung auf die christliche Glaubens-gemeinschaft widerstrebenden Vorstellungen enthalten die Keime jenersittlich verwerflichen doppelten Moral, welche theils mit derstrengeren Scheidung des geistlichen Standes vom weltlichen, theilsmit der Entwicklung des mönchischen Lebens Hand in Hand geht.

Dass eine Weltanschauung, die so verschiedenartigen Quellenentflossen war und darum mannigfache Widersprüche in sich schloss,länger als ein Jahrtausend eine zwingende Macht über die Geisterausgeübt hat, der auch die grössten und unabhängigsten Denker sichfügen mussten, ist sicherlich eine der wunderbarsten Erscheinungenin der Geschichte des menschlichen Geistes. Die Lösung diesesRäthsels liegt vor allem in der Macht des ethischen Grundgedankensder Liebe und Gnade, welcher sich der trostbedürftigen Menschheitum so unwiderstehlicher aufdrängte, je mehr das wirkliche Lebeneiner rauhen und gewaltsamen Zeit mit ihm contrastirte. Einenwichtigen Antheil an der Verbindung aller jener Elemente zu einemeinzigen Lehrbegriff hat aber die Einheit der kirchlichen Leitung,die, an die Stelle der ursprünglichen Glaubensgemeinschaft getreten,die Uebereinstimmung der Anschauungen durch den Zwang deräusseren Autorität aufrecht erhielt. Durch diese Umstände gewinntdie christliche Ethik in doppelter Hinsicht den Charakter der Ge-