298
Die christliche Ethik.
langte so zu jenem Dogma der Trinität, in dessen drei Bestandteilendie drei Hauptmotive des christlichen Glaubens, die weltschöpferischeMacht Gottes, die Gotteskindschaft und die Glaubensgemeinschaft,ihren religiösen Ausdruck fanden. Hatte der Platonismus die Materieals den Grund der Unvollkommenheiten und des Uebels betrachtet,so widerstrebte diese der sinnlichen Vorstellung allzu abgewandteAuffassung der religiösen Anschauung. Der Logos ist daher derchristlichen Religionsphilosophie nicht mehr, wie der jüdischen Theo-sophie und dem Neuplatonismus, ein rein geistiges Princip, sondernsie verwandelt ihn, unter gleichzeitiger Anknüpfung an die jüdischenMessiasvorstellungen und an das Evangelium von der Gotteskindschaft,in den fleischgewordenen Sohn Gottes. Ebenso erscheint eine blossgeistige Fortdauer der Seele ungenügend für das religiöse Bediirfnissder Zeit: an die Stelle der Platonischen Unsterblichkeitsidee tritt dasDogma von der Auferstehung des Fleisches, indem gleichzeitig diePräexistenzlehre als ein für die religiösen Hoffnungen gleichgültigesElement beseitigt wird.
Da in den Dogmen von der Menschwerdung und Auferstehungdie sinnliche Materie für die Existenz des Guten im Diesseits wieJenseits unerlässlich scheint, so kann ferner die Platonische Her-leitung des Bösen aus der Materie, auch abgesehen davon, dass siedem Problem eine für das religiöse Bedürfniss allzu abstracte Lösunggibt, nicht ohne weiteres bestehen bleiben. Und doch ist es geradedieses Problem, welches den weitabgewandten, mit allen seinen Hoff-nungen dem Jenseits und der Wiederkunft Christi zugekehrten Sinndes Christen beschäftigt. Hier bietet sich nun wiederum in orien-talischen Religionsanschauungen die Lösung dar. In diesen hattemehrfach schon, am ausgeprägtesten im Parsismus, der Gegensatzeines guten und bösen Princips seine religiöse Verkörperung ge-funden. In das Christenthum selbst ragt die Secte der Manichäerherein, die, gnostisch-christliclie mit zoroastrischen Vorstellungen ver-mischend, ein böses Urwesen Gott gegenüberstellt und ähnlich imMenschen zwei Seelen, eine lichte und gute, rein geistige, und eineböse, die an den Leib gebunden ist, annimmt. Doch diese Lehrewiderstreitet dem reinen Monotheismus, auf welchem das Christenthumaufgebaut ist. Der orthodoxe Glaube stösst daher die Ursprünglichkeitdes Bösen zurück, aber die Idee der Verkörperung des Bösen nimmter auf. Indem der Sündenfall Adams aus dem Irdischen in dasHimmlische übertragen wird, verwandelt sich der Satan in einen ge-fallenen Engel. Er ist der volle Gegensatz zu Christus, der Anti-