Druckschrift 
Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
Entstehung
Seite
295
Einzelbild herunterladen
 

TJebergang in die christliche Ethik. 2SJ5

namentlich Platonische und Stoische Philosophie mit altorientalischenReligionsari schaumigen. Dieses Herein treten der religiösen Vor-stellung in die philosophische Speculation verleiht der Periode ihreigentliümliclies Gepräge. Die ethische Theorie zerfällt in Folgedessen in zwei Bestandteile: in einen geringer geachteten profanen,der sich auf die Tugenden des irdischeu Lebens bezieht, und in einenreligiösen, der es mit dem der Gottheit zugewandten höheren Lebenzu thun hat. In dem ersteren schliessen sich diese Richtungen ganzan ihre philosophischen Vorgänger an: mit Plato bringen sie dasSittliche in unmittelbaren Zusammenhang mit der Lehre von derPräexistenz und Unsterblichkeit der Seele; mit Aristoteles geben siedem beschaulichen Leben vor dem praktischen den Vorzug, dem sieübrigens in der Anerkennung der politischen Tugenden ihr Rechteinräumen; mit den Stoikern endlich verwerfen sie die sinnliche Lustund verlangen die Ausrottung der Leidenschaften. Doch ist ihnenletzteres nicht Selbstzweck, sondern nur Vorbereitung für die Er-ringung der höchsten Glückseligkeit. Diese aber besteht in jenerunmittelbaren Berührung mit der Gottheit, wie sie allein im Zustandder Ekstase erreicht wird, wo das bewusste Denken aufhört und derGeist sich in das Urwesen versenkt, aus dem er hervorgegangen.

So werden für diese Mystik jene Entlehnungen aus der antikenPhilosophie zu einem äusserlichen Beiwerk. Ihr Schwerpunkt liegtnicht mehr in dem sittlichen Bewusstsein, sondern in dem reli-giösen Gefühl. Hierdurch kehrt die neuplatonische Ethik wiederauf die Stufe zurück, die der Ausbildung der philosophischen Ethikvorausgegangen war: die sittlichen Postulate wandeln sich ihr un-mittelbar um in religiöse Anschauungen. Doch dabei ist zugleichder Inhalt dieser sittlichen Postulate ein völlig anderer geworden.Die lebensfrische, aber national begrenzte Ethik der Griechen hateiner weltflüchtigen, asketischen Stimmung Platz gemacht, die da-gegen die sittlichen Aufgaben als allgemein menschliche anerkennt.Auf diese Weise übernimmt vorzüglich der Neuplatonismus die Mission,die werthvollen Ergebnisse griechischen Denkens denjenigen Moral-systemen dienstbar zu machen, die von nun an auf dem Bodenchristlicher Religionsanschauung sich entwickeln sollten. Denn theilsim Anschlüsse theils im Widerstreit mit den Ansichten der Neu-platoniker sind die Anfänge der christlichen Ethik entstanden.