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Die antike Ethik.
einander wie mit dem Ganzen der Natur verlangt. Wohl aber be-tonen sie energisch die Gleichgültigkeit der Standesunterschiede undder nationalen Verschiedenheiten. Alle Menschen sind einander ver-wandt, sind im Grunde Bürger eines Staates; auch in dem Sclavenist der Mensch zu achten. So werden die Stoiker die ersten Ver-künder eines Weltbürgerthums. Dass ihnen dem gegenüber dieengeren staatsbürgerlichen Pflichten verhältnissmässig untergeordneterscheinen, ist begreiflich. Die Ehe erkennen sie in ihrer sittlichenBedeutung an; höher gilt ihnen aber doch das Band der Freund-schaft, das alle Weisen und Tugendhaften, selbst wenn sie sichnicht kennen, in Folge der Gemeinsamkeit ihrer Gesinnung um-schlingt. Diese Ausführungen stehen nicht immer mit der sonstvon den Stoikern gepriesenen Selbstgenügsamkeit des Weisen imEinklang. Doch je schwieriger diese in ihrer idealsten Form denallgemeinen Lebensbedürfnissen sich fügte, um so mehr musste mansich entschliessen, in der praktischen Moral der gewöhnlichen Lehens-anschauung Zugeständnisse zu machen. In der Art, wie gerade derfreieste unter den socialen Verbänden, die Freundschaft, bevorzugtwurde, indem man sie sogar von dem unmittelbaren geistigen Ver-kehr bis zu einem gewissen Grade unabhängig machte, kommt aberimmerhin der weltflüchtige Zug dieser Ethik wieder zum Durchbruch.
b. Die Epikureische Ethik.
In den zuletzt erwähnten praktischen Anwendungen verfolgtnun die Moral der Epikureer eine der Stoa durchaus verwandteRichtung, und sie verräth darin trotz der sonstigen Gegensätze einegewisse Aehnlichkeit auch der Grundanschauungen. Diese Verwandt-schaft tritt besonders in zwei Punkten hervor: in der Bevorzugungdes persönlichen Elementes, welches auch hier in der Schilderungdes die wahre Glückseligkeit geniessenden, der Aufregung des öffent-lichen Berufs völlig entsagenden Weisen seinen Ausdruck findet;und in der starken Betonung der negativen Seite der Glückseligkeit,der Vermeidung aller jener unlustbereitenden Störungen, welchedieselbe trüben können. Wenn aber bei den Stoikern der indivi-dualistischen Tendenz durch kosmopolitische und allgemein humaneBestrebungen die Wage gehalten wird, so führt jene bei den Epi-kureern zu einem egoistischen Quietismus, dessen Motivirung in dentrivialsten Nützlichkeitserwägungen besteht. Dabei machen sich ausser-dem diese Philosophen der Inconsequenz schuldig, dass sie den Staat