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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die antike Ethik.

Stoiker darauf gerichtet war, ihre Ethik von besonderen politischenund socialen Bedingungen loszulösen und sie auf diese Weise zueiner individuellen und zugleich allgemein humanen zu machen, umso mehr konnten sie hoffen, ihre Aufgabe am besten zu erfüllen,wenn sie unmittelbar von jenem Urbild eines vollkommenen Menschen,wie sie es in Sokrates und späterhin wohl auch in hervorragendenVertretern ihrer eigenen Secte verehrten, den Begriff des Guten undder Tugend abstrahirten. Darum waltet auch bei den Stoikern ent-schieden die Tendenz, bei dieser Begriffsbestimmung mehr den de-scriptiven als den normativen Standpunkt einzuhalten, nichtsowohl Pflichtgebote aufzustellen, als die thatsächliche Beschaffenheiteines vollkommen tugendhaften Lebens zu schildern, ein Streben,welches überdies durch die pantheistische und deterministische Rich-tung ihrer Theologie und Naturphilosophie verstärkt wird. Darumferner erneuern die Stoiker nicht bloss die Sokratische Einheit vonWissen und Tugend, sondern sie bemächtigen sich insbesondere auchder Sokratisch-Platonischen Lehre von der Einheit der Tugenden.Freilich ist ihnen diese Einheit nicht mehr, wie im PlatonischenProtagoras, eine innere Identität der Tugenden selbst, sondern viel-mehr eine nothwendige Verbindung derselben in der Einheit dersittlichen Persönlichkeit. In diesem Sinne wird dann aber wohl aucheine Tugend als die Wurzel der übrigen bezeichnet: so von Zenodie Einsicht, von Chrysippos die Weisheit, welcher dann, zum Theilunter Anlehnung an die Platonisch-Aristotelischen Eintheilungen, dievier Cardinaltugenden der Einsicht, Tapferkeit, Besonnenheit und Ge-rechtigkeit untergeordnet werden. In der Motivirung dieser Tugendenerheben sich die Stoiker nicht wesentlich über den Sokratischen Stand-punkt: das Gute ist ihnen das Nützliche und zugleich das Natur-gemässe. Wie ihre ganze Weltanschauung eine teleologische ist, soentspricht dem auch ihre Ansicht, der ursprüngliche Trieb desMenschen sei es, das Naturgemässe und Nützliche zu erstreben unddas Naturwidrige und Schädliche fern zu halten. Demgemäss räumensie auch gewissen äusseren Gütern, wie der Gesundheit oder demReichthum, wenigstens einen relativen und bedingten Werth ein. Fürden Tugendhaften sind diese Güter nützlich, für den Schlechten aberkönnen sie durch den Missbrauch, der mit ihnen getrieben wird,schädlich sein. An sich also sind sie weder gut noch böse, sondernsie gehören zu den gleichgültigen Dingen, den Adiaphora, diezwischen den Gütern und Uebeln mitten inne liegen. Doch indemvorzugsweise die sittlichen Gefahren betont werden, die solche an