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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die antike Ethik.

dem beschaulichen Leben erst seinen werthvollen Inhalt gibt, derWeisheit, vor allen andern den Vorzug einräumt. Wie hoch erauch das politische Leben schätzt: wenn die- Thätigkeiten des Poli-tikers und des Philosophen nach ihrem inneren Werth bestimmtwerden sollen, so ist es ihm nicht zweifelhaft, dass die letztere höherzu stellen sei. Nicht nur gewährt die Weisheit deshalb die höchsteBefriedigung, weil sie die Tugend des vornehmsten Seelenvermögens,der Vernunft, ist, sondern sie allein ist unabhängig genug vonäusseren Bedingungen, dass ihre Ausübung eine dauernde sein undder äussern Glücksgüter entbehren kann. Der Freigebige bedarfdes Reichthums, der Tapfere der Gesundheit; der Weise aber istnur auf sich selbst gestellt. Auch den Göttern, meint Aristoteles,kann man keine nach aussen gerichtete Thätigkeit zuschreiben. Wieihr Glück ein reih beschauliches ist, so besteht nicht minder für denMenschen in dem Genuss der Weisheit die höchste Glückseligkeit*).

Hier klingt in der Aristotelischen Ethik bereits eine Saite au,die kommende Zeiten vorausverkündet. Wenn das beschauliche Lebenden höchsten Werth besitzt, wie nahe liegt es dann, sich das Glückdieser Beschaulichkeit in der Weltflucht, in der Entfremdung vonjeder praktischen Thätigkeit zu erringen; und wenn weiterhin dertheoretischen Betrachtung eine beglückende Kraft zugeschriebenwird, welche den Menschen dem Glück der seligen Götter nahebringt, so ist auch der weitere Schritt nicht mehr ferne, dass diesebeschauliche Thätigkeit nun eine religiöse Richtung nimmt, dass sienicht nur als ein dem göttlichen Leben ähnliches, sondern als einunmittelbares Versenken des menschlichen Geistes in den göttlichenangesehen wird. Schon in der unter den Aristotelischen Schriftenstehenden, aber nicht von Aristoteles selbst, sondern muthmasslichvon seinem Schüler Eudemos verfassten sogenannten EudemischenEthik tritt eine solche religiöse Wendung wenigstens insofern auf,als hier ausdrücklich die Gottes er kenn tniss und Gottes-verehrung als die höchsten Güter bezeichnet werden**). So be-wegen sich überhaupt die Abweichungen, die sich die Anhänger derperipatetischen Schule von ihrem Meister gestatten, durchaus inRichtungen, die nach den Anschauungen der später zur Herrschaftgelangenden philosophischen Secten gravitiren.

*) Nikom. Etli. X. 7 10.

**) Kudem. Eth. VII, 1417. Vgl. auch Zeller, Philosophie der Griechen,3. AufL, IT, 2, S. 874 ff.