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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die Aristotelische Ethik.

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oder ethischen und den von ihm so genannten dianoetischen Tugenden.Er unterscheidet fünf solcher Tugenden oder, wie in diesem Falleder uns heute adäquatere Ausdruck wohl lauten würde, Fähigkeitenund Fertigkeiten: Wissenschaft, Kunst, Einsicht, Verstand, Weisheit.Unter ihnen sind wieder Wissenschaft, Verstand und Weisheit mehrtheoretischer, Kunst und Einsicht mehr praktischer Art, insofernerstere nur innerlich, im Denken, letztere aber zugleich äusserlich,in Handlungen, sich bethätigen. Hierdurch stehen nun diese Fähig-keiten wieder in näherer Beziehung zu dem Willen und damit zu-gleich zu den ethischen Tugenden. Ganz besonders gilt dies vonder Einsicht, welche Aristoteles als eine berathschlagende Thätigkeitschildert, die auf Grund erworbener Erfahrung im einzelnen Fall dasRichtige zu treffen wisse. So ist sie zwar nicht die Quelle derTugenden, die vielmehr aus dem die richtige Mitte zwischen ent-gegengesetzten Begierden einhaltenden Willen entspringen; aber sieist es, die dem tugendhaften Handeln bestimmte Ziele zeigt, indemsie im einzelnen Fall dem Willen sagt, was jene richtige Mitte sei.So wird die Einsicht zu einer Art Erzieherin des Willens.Wie bei jeder Erziehung, so wird aber auch hier der Gewöhnungund der durch sie vermittelten instinctiven Ausübung des Gutenihr Werth eingeräumt. Auf dem gewohnheitsmässigen Gleichgewichtzwischen entgegengesetzten Neigungen beruht insbesondere die Massig-keit, die eben deshalb Aristoteles als eine Vorbedingung zu allenethischen Tugenden betrachtet, ohne sie selbst zu diesen zu rechnen*).

Erscheint so schon die Einsicht als ein unerlässliches Correlatauch der ethischen Tugenden, so nähert sich nun aber Aristotelesnoch mehr der Sokratisch-Platonischen Anschauung in seiner Werth-schätzung der höchsten der dianoetischen Tugenden, der Weisheit.Sie ist ihm die Vereinigung von Verstand und Wissenschaft: aberihre Objecte sind nicht die einzelnen Dinge, sondern die höchsten undallgemeinsten Begriffe. Wie sehr Aristoteles auch in seiner Politikund Ethik in der letzteren namentlich in den eine Art Binde-glied zwischen Ethik und Politik bildenden Erörterungen über dieFreundschaft den Anforderungen der bürgerlichen Gesellschaftund der Bedeutung der werkthätigen Tugenden für dieselbe gerechtzu werden sucht, so kommt doch die persönliche Neigung des Philo-sophen darin zum Durchbruch, dass er dem beschaulichen vordem praktischen Leben und demnach auch derjenigen Tugend, die

*) Nikom. Etli. VI, VII, 112.