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Die antike Ethik.
gesetzten Fehlern die richtige Mitte hält. In der Thatliegt zwischen je zwei Lastern eine Eigenschaft, die wir als einetugendhafte, und deren Bethätigung wir als eine Bedingung mensch-licher Glückseligkeit auffassen. So ist die Tapferkeit die richtigeMitte zwischen Feigheit und Tollkühnheit, die Selbstbeherrschungzwischen Wollust und asketischer Glücksverachtung, die Freigebigkeitzwischen Geiz und Verschwendung, die Grossherzigkeit zwischenKleinlichkeit und prahlerischer Ueppigkeit, die Seelengrösse zwischenUnterwürfigkeit und Aufgeblasenheit, der Stolz zwischen Ehrsuchtund falscher Bescheidenheit, die Sanftmuth zwischen Stumpfsinn undJähzorn, u. s. w. Ueber alle diese einzelnen Tugenden ragt aber alsdie vollkommenste die Gerechtigkeit, bei der Aristoteles etwasgezwungen die richtige Mitte darin sucht, dass sie zwischen Unrechtthun und Unrecht leiden mitten inne liege, oder an einer andernStelle, dass sie Jedem das Seine, keinem zu viel und keinem zuwenig, gebe. Gerade die Gerechtigkeit zeigt aber, dass die voll-kommene Tugend nur im Staate erreichbar ist; denn sie ist un-möglich ohne den Schutz, der ihr hier durch gerechte Gesetze zuTheil wird*).
Für die realistische Tendenz der Aristotelischen Ethik ist escharakteristisch, dass in ihr diejenige Tugend, welche bei Plato diedes dritten und niedersten Seelentheils war, die masshaltende Be-sonnenheit , zur Quelle aller Tugenden, selbst der Gerechtigkeit ge-macht wird. Nicht minder bezeichnend ist aber in dieser Beziehungdie Stellung, welche der Lust und den äusseren Glücksgütern ein-geräumt ist. Gesteht Aristoteles diesen auch an sich nur einenuntergeordneten Werth zu, so erscheinen sie ihm doch unerlässlichzur vollkommenen Glückseligkeit, schon deshalb, weil sie vielfacherst die Hülfsmittel darbieten zur Entwicklung und Bethätigung dereigentlichen Tugenden. So bedarf die Tapferkeit der Gesundheitdes Körpers, die Freigebigkeit des Reichthums. Eben darum, weilsie solche ethische Hülfsmittel sind, bilden aber derartige äussereGüter auch nur für den Tugendhaften wirkliche Quellen dauernderLust und Befriedigung**).
Indem Aristoteles die masshaltende Besonnenheit zum Mittel-punkt seines Tugendbegriffs macht, ergeben sich ihm von hier ausnothwendig zugleich innere Beziehungen zwischen den eigentlichen
*) Nikom. Eth. li, 4—9, III—VII. Pol. 111, 4.
**) Nikom. Eth. X, 4, 5.