Die Aristotelische Ethik.
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nicht mit ihm identisch ist. Mit Rücksicht auf diese für das Wesender ethischen Tugenden unerlässliche Bethätigung des Willens betontAristoteles nachdrücklich den Einfluss der Uebung auf dieselben.Ist auch die Anlage zu ihnen in Jedem vorhanden, so muss dochdiese Anlage, ähnlich wie jede andere körperliche oder geistigeFähigkeit, durch Uebung gestärkt werden. Der Anreiz zu dieserUebung besteht aber darin, dass die Tugend das höchste Gut ist,d. h. dass sie in eminentem Masse fähig ist, Glückseligkeit zu er-wecken. Aristoteles ist ein zu feiner Beobachter der Menschennatur,um zu erwarten, dass die Tugend ohne Lustmotive geübt werde.Sie wird nur erstrebt, weil sie die vollkommenste Lust gewährt.Freilich aber ist, um dies zu erkennen. Ueberlegung und Einsichterforderlich, und eben deshalb handelt der Mensch nicht von selbsttugendhaft, sondern es bedarf dazu der Entwicklung der Vernunftund ihrer Einwirkung auf den Willen*).
Ist auf diese Weise die Tugend als die vernunftgemässe Lenkungdes Willens erkannt, so bleibt aber damit der eigentliche Inhalt desTugendbegriffs noch völlig dahingestellt. Nur so viel ist von vorn-herein klar, dass für Aristoteles kein Motiv mehr existirt, in Plato-nischer Weise eine Einheit der Tugenden oder auch nur eine Be-schränkung derselben auf eine eng begrenzte Zahl von Cardinaltugendenzu behaupten. So viel Arten vernunftgemässen Wollens, so viel Artender Tugend werden zu unterscheiden sein. Bei einer allgemeinenFeststellung des Tugendbegriffs wird es sich daher wieder nicht ummateriale Bestimmungen, sondern nur um ein formales Kriteriumhandeln können, in welchem die verschiedenen Tugenden überein-stimmen. Ein solches ergibt sich nun in der That daraus, dass dieTugend auf der Mässigung und Lenkung der Begierdendurch die Vernunft beruht. Hier bietet sich nämlich zunächstdie Erwägung dar, dass sich alle Begierden, .Gefühle und Affectezwischen Gegensätzen bewegen. Eine Folge davon ist es, dassauch die sittlichen Fehler, die aus dem ungezügelten Walten derBegierden entspringen, solche Gegensätze darbieten. Jedem Lastersteht ein anderes Laster von entgegengesetzten Eigenschaften gegen-über: so dem Geiz die Verschwendung, der Feigheit die Tollkühnheit,dem Uebermuth die kriechende Deniuth. Beruht nun die Tugendauf der Zügelung der Begierden durch die Vernunft, so kann sienur darin bestehen, dass sie jeweils zwischen zwei entgegen-
') Nikons. Eth. II, 1—3. X, 5, (>.