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Die antike Ethik.
Beherrschung der niedrigeren Tugenden durch die höchste, dieWeisheit, und die dadurch hergestellte Verbindung ihrer aller zu dereinen harmonisirenden Tugend der Gerechtigkeit getreten.
Verräth sich in dieser Theilung und Verselbständigung dereinzelnen Tugenden immerhin ein gewisses Bestreben, den ver-schiedenen Erscheinungsformen des sittlichen Lebens gerecht zuwerden, so hat nun Plato in seinen letzten Schriften diesem Strebenweiterhin auch in praktischer Hinsicht Folge gegeben. Er hatsich dadurch zwar von dem in der Republik festgehaltenen idealenStandpunkte entfernt, ist aber dafür den Anforderungen des Lebensund der Wirklichkeit näher getreten. So stellt er in den „Gesetzen“den vier göttlichen Tugenden der Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheitund Gerechtigkeit die Gesundheit, die Schönheit, die Körperkraftund den Reichthum als die vier menschlichen Tugenden gegenüber.Entsprechend dieser höheren Schätzung äusserer Güter hebt dannzugleich der Philosoph die einzelnen Cardinaltugenden wieder mehrauf gleiche Höhe, als es in der Republik geschehen war, und estritt namentlich die Bedeutung der praktischen Tugenden mehr inden Vordergrund. Erschien früher die Weisheit als die Wurzel allessittlichen Handelns, so wird nun die masshaltende Besonnenheit vorallen gepriesen. Auf die politischen Anschauungen hat dieser Wandeleinen tiefgehenden Einfluss. Die Forderungen der Ständescheidung,der Herrschaft der Philosophen treten zurück. Dafür werden andere,rein humane Forderungen, wie die Reinheit der Ehe, die milde Be-handlung der Sclaven, stärker betont. So nähern sich hier die An-schauungen Platos schon in manchen Punkten denjenigen seinesgrossen Nachfolgers, Aristoteles, der, in vollem Gegensätze zudem in der Republik aufgestellten idealistischen und transcendentenSystem, durchaus auf dem Boden des wirklichen Lebens seine Ethikaufzubauen bemüht ist.
b. Die Aristotelische Ethik.
Den Gegensatz zwischen Plato und seinem grössten Schülerpflegt man in den metaphysischen Standpunkten Beider zu suchen,und die Polemik, welche Aristoteles in seiner Metaphysik gegen diePlatonische Ideenlehre führt, scheint diese Meinung zu bestätigen.Aber bei näherer Betrachtung kann man sich der Ueberzeugungkaum verschliessen, dass der eigentliche Gegensatz auf ethischemBoden liegt, während in den metaphysischen Grundanschauungen im