Die Aristotelische Ethik.
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ganzen genommen die Uebereinstimmung grösser ist, als der Wider-spruch. Was Aristoteles an der Ideenlehre bekämpft, das ist geradediejenige Seite derselben, auf' welcher ihre ethische Bedeutung ruht,jene Selbständigkeit der Ideen nämlich, welche für Plato die Bürg-schaft eines übersinnlichen Daseins ist, auf das alle seine ethischenAnschauungen sich zurückbeziehen. Nicht die Ideen, nicht das be-griffliche Sein als solches leugnet Aristoteles; aber er leugnet, vondem denkenden Geist und von der Gottheit abgesehen, dessenTrennbarkeit von der Materie. Existirt aber das Begriffliche undGeistige im allgemeinen nur in sinnlicher Form, so kann auch dassittliche Handeln nur auf das sinnliche Dasein bezogen werden.Auf diese Weise gewinnt die Aristotelische Ethik einen realistischenCharakter. Nicht was das Gute an und für sich oder in einer über-irdischen Welt bedeute, sondern was es für den Menschen innerhalbder Bedingungen seines erfahrungsmässigen Daseins sei, das ist dieFrage, auf welche sich alle ethischen Erörterungen des Philosophenbeziehen.
Darin freilich ist er mit Plato einig, dass der Einzelne nichtfür sich, sondern nur in der staatlichen Gemeinschaft das höchsteGut erreichen könne. Darum ist ihm die Politik der Abschluss derEthik, und den Menschen definirt er als ein politisches Wesen.Doch nicht bloss deshalb erscheint ihm das staatliche vollkommenerals das einzelne Leben, weil es höhere Zwecke erreicht, als dieses,sondern vor allem auch deshalb, weil die Zwecke des Einzelnennur unter Mithülfe des Staates vollkommen erreichbar sind*). Hierwie dort bestehen ihm aber diese Zwecke in der Erreichung derGlückseligkeit. Darüber, dass Glückseligkeit der Inhalt desGuten sei, kann, meint Aristoteles, kein Streit bestehen; nur darüber,was die Glückseligkeit sei, und wodurch sie gefördert werde, sindverschiedene Ansichten möglich. Die Erwägung der letzteren bewegtsich nun durchaus auf dem Boden der Wirklichkeit; jede von ihnenerhält so viel Recht, als ihr gebührt. Dass die sinnliche Lust, derReichthum, die Ehre in gewissem Masse als Güter anzuerkennensind, scheint dem Philosophen unbestreitbar. Aber auf den Rangeines höchsten Gutes dürfen sie nicht Anspruch erheben, denn dieseskann — darin ist er mit Plato einig — nur aus der Beth'ätigungdes höchsten Seelenvermögens, der Vernunft, entspringen. Dierichtige Thätigkeit der Vernunft nun ist die Tugend; folglich be-
*) Nikom. Eth. I, 1. Polit. I, 1.