Die Platonische Ethik.
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von ihnen könne ohne die andern bestehen, da sie alle beherrschtwerden von der Weisheit, als deren einzelne Th eile oder Anwendungendie andern betrachtet werden können.
Innerhalb des bisher bezeichneten Gedankenkreises bewegensich die Dialoge der ersten, der Sokratischen Periode der PlatonischenPhilosophie. Doch in den letzten derselben, namentlich im „Kriton“und „Gorgias“, ist bereits jene Wendung bemerkbar, aus welcherdie Schöpfung der Ideenlehre hervorgeht, und es treten hier dieethischen Motive dieser bedeutsamen Lehre, die den Mittelpunktdes ganzen späteren Systems des Philosophen bildet, deutlich zuTage. Indem Plato, vielleicht mehr unter dem Eindruck des Sokra-tischen Lebens als der Sokratischen Lehre, sich zu dem Grundsätzeerhebt, dass Unrecht leiden besser sei als Unrecht thun, vermag ersich nicht mehr der Ueberzeugung zu verschliessen, dass das Guteund das Angenehme nicht nothwendig zusammenfallen. Dennochwäre es unerträglich, zwischen der Lust und dem Guten einen dau-ernden Widerstreit bestehen zu lassen. Es bleibt also kein andererAusweg, als der vorübergehenden Lust die dauernde gegenüberzu-stellen und diese, da sie im sinnlichen Leben unerreichbar ist, ineinem übersinnlichen Dasein zu suchen *). Dieser ethische Grund-gedanke wird verknüpft mit der Voraussetzung der SokratischenSpeculation, dass Tugend und Wissen Eins seien. Auch das Gute,das Object aller Tugenden, ist an sich nur Eines: es ist eine welt-beherrschende Macht, die sich ebensowohl bethätigt in den Ge-staltungen der Natur wie in dem Denken und Handeln des Menschen.So wird für Plato das Gute der Inhalt des Gottesbegriffs. Aber derVersuch unter dieser Voraussetzung ein Weltbild zu gestalten, findetan der Thatsache des Unvollkommenen und Bösen eine Schranke.Die sinnliche Welt kann daher nur ein unvollkommenes Abbild eineridealen übersinnlichen Welt sein, und der Unterschied zwischen demBegriff und der sinnlichen Vorstellung scheint diese Voraussetzungzu bestätigen. In unsern Begriffen tragen wir die Erinnerungenan eine übersinnliche, von der Materie befreite Welt in uns; dieSinneseindrücke sind nur die äusseren Anlässe zur Erweckung solcherErinnerungen. Jedem Object des Denkens entspricht eine Idee, dasGute aber ist die höchste der Ideen, der alle andern untergeordnetsind. In der Welt der Ideen herrscht vollständige Harmonie; hierist jede einzelne Idee in Uebereinstimmung mit der Idee des Guten.
*) Rep. I. 3, 329, V 20, 476 ff., und bes. IX und X.