Sokrates und die Sokratischen Schulen.
275
des nämlichen Eudämonismus, den er in seiner Lehre verkünde. Inder That, von einem kategorischen Imperativ der Pflicht, dessenVerdienst im Kantischen Sinne in der Pflichterfüllung ohne Neigungbestünde, kann bei ihm keine Rede sein. Wohl aber handelt essich hier um ein Grlücksbedürfniss, das mit der Pflicht selber zu-sammenfällt, weil nur die Pflichterfüllung als erfreulich und er-strebenswerth gilt. Dazu ist die Sokratische Ethik zu sehr eineselbst erlebte gewesen, als dass ihm pflichtgemässes Leben und be-friedigendes Leben (Sczaito? Cp- und sb Cp) überhaupt als Ver-schiedenes hätten erscheinen können. Doch ein Anderes bleibt dieBethätigung einer solchen Einheit im eigenen Leben, ein Anderesdas lehrhafte Aussprechen derselben. Wenn sonst jene hinter diesemnicht selten zurückbleibt, so besteht umgekehrt die Grösse desSokrates darin, dass seine Lehre nur eine unvollkommene An-näherung an die sittliche That seines Lebens ist. Wenn diese Thathinwegfiele, was wäre uns heute die Sokratische Ethik? Gesetzt erwäre, wie seine Schüler es wünschten, aus dem Kerker entflohen,so würden wir vielleicht in seinen Aussprüchen den wohlgemeintenaber in der Ausführung mangelhaften Versuch einer positiven Reformgegenüber den zerstörenden Bestrebungen der Sophisten erblicken— nimmermehr aber würde uns dieser Mann als der Schöpfer derEthik gelten. Dass er dies ist, das verdankt er nicht seiner Lehre,sondern seinem Leben, vor allem dem Einflüsse, den dieses Lebenauf den grössten philosophischen Ethiker der Griechen, der sichseinen Schüler nannte, gehabt hat, auf Plato.
Wie sehr in der That die einzelnen Aeusserungen des Sokratesan sich verschiedenen Deutungen zugänglich waren, dafür bilden dassprechendste Zeugniss jene Sokratischen Schulen, die, trotzdes entschiedenen Gegensatzes in welchem sie sich zu einander be-finden, doch sämmtlich Sokrates als ihren Meister verehren, so dassihren Anhängern mindestens die subjective Ueberzeugung, wahreNachfolger desselben und Fortbildner seiner Lehre zu sein, nichtabgesprochen werden kann. In ethischer Beziehung sind nur zweidieser Schulen von Bedeutung, die der Cyniker, gestiftet vonAntisthenes, und die der Cyrenaiker, gestiftet von Aristipp.Während die Cyniker die Sokratische Nichtachtung äusserer Glücks-güter auf die Spitze treiben, wird von den Cyrenaikern ebenso ein-seitig die eudämonistische Seite des Sokratischen Denkens aufge-griffen und zu einer äusserlichen Lustlehre weitergebildet. Der